Felix Schramm im Hamburger Bahnhof, Berlin

Reiner Wucher

Jens Hinrichsen
3. August 2006
„Felix Schramm. Soft Corrosion“, Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin. 1. Juli bis 2. September 2006

Eine Grenzverletzung markiert den Anfang des Wegs. Zwei Rigips-Ecken schieben sich aus dem überschaubaren Loch, das in der Museumswand klafft. Verglichen mit den Sturzwellen aus Wandmaterial, die Felix Schramm jüngst in New York und Miami inszeniert hat, wirkt der erste Zipfel, den man von seiner Großskulptur im Hamburger Bahnhof in Berlin zu fassen bekommt, wie eine schüchterne Geste. Aber Schramm geht es auch gar nicht darum, institutionelle Wände einzureißen. Mit seinen formbewussten Arbeiten formuliert Schramm die alte Bildhauer-Frage auf überraschende Weise neu: Wie verhalten sich Skulptur und Umgebungsraum zueinander?

Je weiter der Betrachter, die Betrachterin ins Innere der begehbaren Misfit-Skulptur vordringt – von der man zunächst nur die Spitze des „Eisbergs“ wahrnahm – desto unklarer wird, wie man Raum und Kunstobjekt eigentlich noch auseinander halten soll. Nicht zuletzt für diesen „Austausch der kategorialen Merkmale von Raum und Skulptur“ (Friedrich Meschede) wurde Felix Schramm der Piepenbrock Förderpreis für Skulptur 2006 zugesprochen. Die Ausstellung im Hamburger Bahnhof ist mit der Preisvergabe verbunden, dazu kommt ein Lehrauftrag über zwei Semester an der UdK Berlin.

Ein brachiales, zu den Raumachsen schräg gestelltes Konstrukt aus Baumarktmaterialien klemmt im separierten Innenbereich des Werkraums im Hamburger Bahnhof fest. Eine Architektur, die zerbröckelt, zerborsten, fragmentarisch wirkt. Man könnte vom chaotischen Weiterwachsen der musealen Innenarchitektur sprechen, die an mehreren Punkten von der eigenen Wucherung durchstoßen wird. Vielleicht deshalb hat Schramm in seinen Misfit-Bau eine Fototapete mit Waldmotiv integriert, als Hinweis auf ein Ökosystem, das einen Kreislauf von Wachstum und Verfall darstellt. Am Ende des Aufbauprozesses soll für Schramm eben nicht die perfekte, glatte Form stehen – daher durchlöchert er in einem „destruktiven“ Akt die Rigipsflächen und zerschlägt die geraden Kanten zu geborstenem Zickzack. Konstruktion und Demontage: ein fließender Übergang.

Natürlich erinnern Felix Schramms Skulpturen manchmal an die „Tranchierarbeiten“, die Gordon Matta-Clark in den 1970er Jahren an Gebäuden vornahm. Von dieser Traditionslinie her betrachtet, wäre bei dem 1970 in Hamburg geborenen Wahl-Düsseldorfer allerdings wenig von Matta-Clarks architektur- und gesellschaftskritischen Impulsen übrig geblieben. Schramm selbst beruft sich eher auf die Land Art und nennt den Amerikaner Robert Smithson als prägendes Vorbild: „Meine Skulpturen sind von Erosionsprozessen in der Natur inspiriert“, sagt Schramm. Smithsons zentrales Motiv war die Spirale, auch sie ein Symbol für das Werden und Vergehen in der Natur. Im (geknickten) Spiralweg führt auch Schramm sein Publikum vom Ausstellungsraum in den Sackgassenkorridor im Inneren der Misfit-Skulptur. Ein Merkmal vieler Schramm-Werke ist, dass man nicht um sie herumgehen, sondern sie nur in ihren extrem unterschiedlichen Teilansichten betrachten kann. Hier kann man nur mitten hinein ins scheinbar fragile Gebäude: am Ende des Wegs sieht man sich von Rigips-Wänden umstellt. Als säße man in der Kunst-Falle.

„Skulptur ist die schwierigste Kunstgattung, denn es ist schwer, in dieser Disziplin heute noch etwas zu erfinden und zu behaupten“, sagt Friedrich Meschede vom DAAD, der als einer von drei Juroren Felix Schramm den Piepenbrock Förderpreis für Skulptur zuerkannt hat. Insbesondere zeigte sich die Jury fasziniert vom „neuen, ungewohnten Raumeindruck“, den der in Düsseldorf ausgebildete Künstler mit seinen flächigen, zerrissenen Formelementen bewerkstellige. Dass hier die latente Nähe zwischen Architektur und Skulptur geradezu explizit wird, freut insbesondere den Stifter Hartwig Piepenbrock: „Die Skulptur spielt für mich, der einmal Architekt werden wollte, eine herausragende Rolle“. Konsequenterweise wurde mit der Osnabrücker Kulturstiftung Hartwig Piepenbrock 1988 gleichzeitig der mit 50.000,- Euro dotierte Piepenbrock Preis für Skulptur (diesjährige Preisträgerin Rebecca Horn) und der mit 12.500 Euro dotierte Förderpreis aus der Taufe gehoben; beide werden im Zweijahres-Turnus vergeben.

Drei kleinere, überschaubare Skulpturen hat Schramm ins Entrée seiner Ausstellung gepflanzt. Es sind Mini-Architekturen, auf die man herabblickt wie ein Fallensteller auf seine todbringende Konstruktion. In die Skulptur I – A2, die von der Strahlenbau-Architektur des 19. Jahrhunderts inspiriert scheint, hat Schramm den funktionsfähigen Klappmechanismus einer Wieselfalle eingebaut. In alle drei Arbeiten hat er zusätzliche Phonogeräte integriert, die eiernde, springende 70er-Jahre-Schallplatten wiedergeben: lallende „Gitarrenträume“ mischen sich mit Don-Kosaken-Schluckauf. Die Rigips-, Holz- und Sperrmüllbauten fungieren als Resonanzkörper, was insbesondere für die halbkreisförmig gebogene Pressholzplatte der Arbeit Soft Corrosion gilt, in der Soundvibrationen zum Korrosionsfaktor umgemünzt werden. Der aus dieser Arbeit entlehnte Ausstellungstitel ist Programm: Mit „Soft Corrosion“ benennt die Industrie schleichende Zersetzungsprozesse. Der Zahn der Zeit nagt oft im Verborgenen, bis Brückenpfeiler einknicken oder ein Förderturm einstürzt. Schramm überführt das Schwächeln der Konstruktion, die Hinfälligkeit allen Menschenwerks ins Ästhetische. Raum und Skulptur fallen, gleiten ineinander, vertraute Orte kippen aus dem Lot, wie Felix Schramm mit seiner Misfit-Skulptur vorführt. Die eingefrorene Katastrophe: eine Angst-Lust-Erfahrung.


Quick and Dirty von Thomas W. Eller
Warum ist „Müll-Kunst-Produktion“ so populär? Diese und andere Fragen stellt Thomas W. Eller an die Arbeiten von Felix Schramm.


Weitere Artikel von Jens Hinrichsen


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken