Die Galerie ist tot. Aus und vorbei. Die Ära der blutleeren Showrooms, bei denen das Happening „Vernissage“ grell jede Form von Kunst überstrahlte, geht endlich dem Ende entgegen. „Die Galerie hat ausgedient, weil, erstens, zur Vernissage jeder ohnehin nur auf die anderen Gäste schaut und ihm die Kunst schnurz und egal ist, weil, zweitens, auch der neue, immer noch zunehmende Kunstsammelrausch zu keinen weiteren Besuchern führt”, stellte Karlheinz Schmid in der Kunstzeitung (Mai 2006) über das „Auslaufmodell Galerie“ fest. Aber wer wird dem Triptychon aus Häppchen, Schampus und Small-Talk eine Träne hinterher weinen?
Seien wir doch mal ehrlich: Die Kunst verkam zum bunten Dekor für die Medici des globalen Kapitalismus, für die das Sammeln von Kunst einer Imagekampagne glich. Und nach der Vernissage sah die Galerie dann so aus: Drei drittklassige Bilder, Skulpturen, Videoloops hingen an der Wand, weil die erstklassigen und auch mal zweitklassigen Arbeiten gerade auf der Art Basel, Frieze Art Fair, Art Basel Miami waren – und in der letzten Ecke saß der Galerist, Assistent, Praktikant an seinem Laptop und blickte arrogant, gelangweilt, unbeteiligt. Ist die einzige Rettung also der Staat mit seinen öffentlichen Kunstinstitutionen? Nein! „Die staatlichen oder städtischen Museen, als Institutionen gerade mal zwei Jahrhunderte jung, können im entfesselten Kunstmarkt nicht mehr um Meisterwerke mitbieten. Diese Lücke stopft die neue Sammlerschicht, die aus wohlhabenden Profiteuren der Globalisierung besteht, und je nach individuellem Geschmack selbst für die museale Nobilitierung dessen sorgt, was gerade die Ateliers verlässt“, schrieb Holger Liebs in der Süddeutschen Zeitung (1.12.2006) über den „radikalen Bedeutungsverlust der Museen“.
Wahrhaft visionäre Kunst, die gesellschaftliche Veränderungen prognostiziert und die als effektives Instrument einer symbolischen Gegenwehr funktioniert, findet heute nur noch im Off-Space statt. Also in jenen nicht-kommerziellen Kunstorten, die sich nicht um Marktkriterien und verwöhnte Sammlergeldbörsen kümmern: In Tankstellen (Freie Internationale Tankstelle, Berlin), Wohnzimmern (Homie, Berlin; Korridor, Berlin), im Garten (Gartenkunstnetz, Hamburg) oder eben auf der Straße. Die Straße ist, war und wird das einzig wirkliche freie und demokratische Medium für die Kunst bleiben. Denn sie ist Nährboden, Blutkreislauf der Gesellschaft und das ideale Experimentierfeld. Sie ist die Ader des „Abenteuerspielplatz Stadt“ – alles ist möglich, mit einer Sprühdose, einem Aufkleber, einem Marker und einer Idee. Bemalt, besprüht, beklebt – belebt!
Die Straße wird zur grenzenlosen Galerie, jeder kann aktiv werden und jeder wird zum Zuschauer, zum Teil der Kunst. Ob er das nun will oder nicht. Das ist das Schöne daran, das Radikale. Und Street Art meint dabei nicht nur Graffiti: „Pieces“ (großformatige Wandbilder) und „Tagging“ (die Urform: Schriftzüge, Signaturen) waren nur die ersten Formen der urbanen Kunst. Heute findet sich jede nur erdenkliche Kunstdisziplin im öffentlichen Raum: Schablonen (Banksy), Mosaike (Space Invader), Aufkleber und Collagen (Obey Giant), Skulpturen (Mark Jenkins), Performances und unsichtbares Theater (Improv Everywhere) oder Formen der Kommunikationsguerilla und des Culture Jammings (politisch motivierte Kunst– und Aktionsformen, die das Ziel der Rückeroberung des Raumes anstrebt und die Okkupierung des Stadtbilds durch das Kapital boykottiert).
Aber, aber: So schnell lässt sich das System nicht überlisten. Denn was denkt der clevere Sammler? Radikale Kunst der 1920er Jahre (Marcel Duchamps Fountain) ist heute Millionen wert – wird also nicht auch die radikale, zeitgenössische Kunst der Street Artists bald Millionen wert sein? Dieser Gedanke machte Banksy zum gefeierten Held der Szene. Sein Stil: Subversiv, politisch, humorvoll und fast immer illegal. Seine Bilder hingen im Pariser Louvre, der Londoner Tate Gallery und im New Yorker Museum of Modern Art – unfreiwillig. Banksy verkleidete sich als Rentner, brachte seine Werke in der Plastiktüte mit und hängte sie einfach selbst auf. Im MoMA blieb sein Gemälde drei Tage lang unbemerkt und in der Tate flog der Schwindel erst auf, als das Bild von der Wand fiel, weil der Klebstoff nachließ. In Post-Graffiti-Aktionen verzierte er die Straßen mit knutschenden Bobbies oder Ratten mit Raketenwerfern, im Londoner Zoo malte er „Fisch langweilt uns“ in das Pinguin-Gehege und in seiner letzten Aktion bearbeitete er das Debütalbum von Paris Hilton. Seit Jahren bricht er alle Codes, widersetzt sich den Regeln des Kunstmarktes – und wird dafür umso heftiger von ihm geliebt. Er ist der junge Wilde, der die Balance zwischen Straße und Galerie halten kann: Er produziert weiterhin für die Straße und verkauft einige seiner Werke auf Leinwänden – zu unglaublich ansteigenden Preisen!
Aber was ist die Folge? Eine Street Art Galerie (Vicious, Hamburg; Magda, Paris; Lazinc, London)! Eine Street Art Ausstellung (Backjumps, Berlin)! Ein Street Art Sammler (Rik Reinking)! Doch Street Art ohne Straße ist wie Latte Macchiato ohne Milch. Wenn sie von ihren Wurzeln getrennt wird, welkt sie schnell und fängt an zu stinken. Werke, die auf der Straße wirken, weil sie einen Moment der Überraschung provozieren, weil sie in den Stadtraum intervenieren und mit Symbolen spielen, werden in der Galerie wieder zum Dekor. Der Raum klaut ihnen die Pointe und ruft in Versalien: KUNST! Und damit schließt sich der Kreislauf: Die Galerie hat sich selbst künstlich beatmet – und der einst wilde Straßenköter wird, wieder handzahm, in den Käfig geschlossen.
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