Fortwährende Abspaltung, permanente Vervielfältigung und ein mäandernder Assoziationsstrom generieren in den Arbeiten Thomas Zipps ein nicht selten düsteres Universum: eine Phantasmagorie, in der sich Naturwissenschaft, Religion, Mythologie, Kunstgeschichte, ideologische Systeme sowie Drogen- und Popkulturreferenzen in beständigen Rausch- und Wahnzuständen immer wieder überkreuzen und gegenseitig zu einem Panorama zerbrochener Weltanschauungen und abgerissener Utopien zusammensetzen. Zipp realisiert diesen Kosmos zumeist in einem hierarchielosen und raumfüllenden Arrangement unterschiedlicher Medien – Skulptur, Malerei, Collage und Installation greifen eng ineinander. Immer wieder variiert er dabei auch das Prinzip Spaltung an sich: etwa in der Figur Martin Luthers, dem „Religionsspalter“ par excellence, oder Otto Hahns, dem Entdecker der Kernspaltung.
Zipps Bronzeskulptur Pollock 66 nimmt das Kardinalthema Spaltung an einem ihrer mythologisch- religiösen Ursprünge auf. Die für den Außenraum entwickelte Plastik ist als „Portrait“ Satans konzipiert, des gefallenen Engels und Urvaters jeder Spaltung. Luzifer wird hier durch 66 Säcke symbolisiert, die um eine vertikale Stange, einem Schandpfahl gleich, herum angebracht sind. Doch auch der Titel ist bedeutungsbeladen. Die Zahl 66 bezieht sich nicht nur auf Zipps Geburtsjahr, sondern auch auf die numerologische Symbolisierung des Teufels selbst. Mit Pollock hingegen mag der Titel nicht nur den gleichnamigen abstrakt-expressionistischen Maler als Apostel des Kunstbetriebs zitieren, sondern zugleich auch das englische Wort „bollocks“ meinen – zu deutsch „Eier“, aber auch „Unsinn“, was als rotziger Eigenkommentar verstanden werden will, Zipps Skulptur aber auch zur Brutstätte werden lässt, ständig bereit, sich immer weiter zu teilen und zu multiplizieren.
Der 1966 in Heppenheim geborene Thomas Zipp ist Absolvent der Frankfurter Städelschule. Seine Nachforschungen zu den Geschichten, Mythen und Utopien der Moderne betreibt er in Berlin.