Yin Xiuzhens an einen Rundbau erinnernde Textilarchitektur Commune (2008) ist die Hinterlassenschaft eines kollektiven Arbeitsprozesses und wird so zum Erinnerungsmonument mit lokalem Bezug. Wie bereits in früheren Arbeiten, zum Beispiel in der raumgreifenden Installation International Airport Terminal I (2007), dem Nachbau einer Flughafenhalle, oder der textilen Skulpturenserie Portable Cities (seit 2003), in denen sie Stadttopographien in Stoff nachbildet und in Koffern verpackt, verwendet die Künstlerin bei Commune abgelegte Kleider, die ihr Einwohner am Entstehungsort des Kunstwerks spendeten. Yin verwendet getragene Kleidung als Metapher für das menschliche Individuum – im Sinne existentieller Spuren, die in den Installationen wiederbelebt werden. So arbeitete die Künstlerin bei der Realisierung von Commune mit lokalen Näherinnen zusammen, und die Werkstatt, die hierauf verweist, verblieb im Innern der Skulptur.
Entstanden ist Commune in Chemnitz, einem ehemals wichtigen Standort der Textilindustrie in Europa. In die Vergangenheit weist auch der Titel der Arbeit mit seinem Bezug auf sozialistisch geprägte Lebensformen, wie sie sowohl die Lebensläufe vieler Chemnitzer als auch die Biographie der aus China stammenden Künstlerin geprägt haben. Obwohl sich, besonders in China, das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft tiefgreifend verändert hat, sind für die Künstlerin die früheren Erfahrungen maßgeblich und für die Gegenwart prägend. Ihr wiederkehrendes Thema ist die Vermittlung individueller Erfahrung mit dem kollektiven Andenken. Auch Commune ist ein Ort der konstruktiven Erinnerungsarbeit. In Anlehnung an Beuys’ Konzept der „sozialen Plastik“ ermuntert Yin zum gemeinsamen Tätigsein, um durch kreatives Handeln gesellschaftliche Strukturen zu beeinflussen. So folgt die Künstlerin einem anthropologischen Kunstbegriff. Die fast schon sakral anmutende Architektur von Commune bietet Schutz und ist zugleich Ort des Glaubens an individuelle Gestaltungsfähigkeit und soziale Kommunikation.
1963 in Beijing geboren, lebt und arbeitet Yin Xiuzhen in Chinas Hauptstadt, einem Ort des Umbruchs. Täglich ist die Künstlerin mit den Transformationsprozessen ihrer Stadt konfrontiert und archiviert in ihren Installationen nicht nur persönliche Erinnerungen, sondern schafft Erinnerungslandschaften.