Ob als Künstler, Architekt, Designer, Autor, Kurator oder Koch, Ai Weiweis bevorzugte Rolle ist die des Mediators. Sein oberstes Anliegen ist es, mit seinen Aktionen Erfahrungen zu vermitteln, die es dem Rezipienten ermöglichen, die Welt aus verschiedenen Perspektiven kennenzulernen. Denn sie funktioniert seiner Meinung nach wie ein offenes Netzwerk, in dem alles miteinander in Beziehung steht und kontinuierlich neue Strukturen ausgebildet werden. Von Menschenhand gemachte Objekte versteht er entsprechend als Fixpunkte in diesem Fluss, als Spiegel konstruierter und nicht natürlich gegebener Identität. Wenn Ai Weiwei also Veränderungen an solchen Objekten vornimmt, sie zu neuen Konstellationen arrangiert, ihrer Gebrauchsfähigkeit beraubt oder an andere Orte versetzt, sind dies immer auch Interventionen in einer Gesamtstruktur menschlicher Existenz.

Anschaulich wird dieses Verständnis etwa an der Arbeit Scales (2008), die nach Aussage des Künstlers "eine Studie darüber ist, wie einfache und elementare Grundbestandteile sich zu Formen und Möbeln entwickeln können". Den beiden kubisch anmutenden Skulpturen aus Kupfer und Edelstahl liegen Würfelformen zugrunde, die auseinandergefaltet neue, vor allem praktische Nutzungen suggerieren. In anderen Werken verfährt er umgekehrt, löst er Gegenstände aus ihrem funktionalen Kontext heraus und macht aus ihnen Metaphern für die Reflexion des Betrachters, so etwa in der Installation Template (2007), einer Holzarchitektur aus Türen und Fenstern von abgerissenen Häusern und religiösen Stätten Chinas, die auf der letztjährigen documenta durch ihren Einsturz zu einiger Berühmtheit gelangte. So löst Ai Weiwei vertraute Zusammenhänge auf und verknüpft deren Elemente neu, um gedankliche Freiräume zu schaffen und neue Bedeutungen zu generieren.

Wohl erst seit der jüngsten documenta sind die Arbeiten des 1957 in Beijing geborenen Künstlers Ai Weiwei einem breiten europäischen Publikum bekannt. Nach der Verfolgung seiner Familie durch die Mao-Regierung entschied sich der Absolvent der Filmakademie Beijing 1981, nach New York zu gehen. Zwölf Jahre später kehrte er in seine Heimat zurück und wurde zum Künstlerstar.