Für Thomas Rentmeisters Kunst hat Ursula Panhans-Bühler den wunderbar treffenden Begriff „Dirty Minimalism“ geprägt. Denn Rentmeister lotet Materialeigenschaften aus, die jenseits des cleanen industriellen Looks des Minimalismus liegen, an den er formal deutlich anknüpft. So suggerieren die Spiegelungen auf der perfekten Außenhaut der Polyesterskulpturen, mit denen Rentmeister in den 1990er Jahren weithin bekannt wurde, Eigenschaften einer flüssigen Oberfläche. Aber auch Industrieprodukte sind häufig Ausgangspunkt seiner Arbeit. Mehrere raumfüllende Werke entstanden mit Nuss-Nougat-Creme, die mit der Zeit erhärtet und der man wie geronnener Lava ihre frühere Konsistenz nur noch als Verlaufsspur ansieht.
Nachdem Rentmeister Kühlschränke mit Hilfe von Penatencreme zu gigantischen Blöcken zusammengefügt hatte, wandte er sich dem Themenfeld Papiertaschentuch zu. Zunächst schuf er eine Skulptur aus Verpackungen von Tempo-Tüchern, dann kamen bei einer zweiten, 2005 entstandenen massiven Würfelform Tausende von Familienpackungen der Schweizer Firma Linsoft zum Einsatz. Aus der Ferne sieht der Kubus zunächst wie ein flaches Bild aus, wie ein Schrein oder ein Streifenbild von Daniel Buren. Das Volumen wird erst wirklich erfahrbar, wenn man die unbetitelte Skulptur umschreitet und der Eindruck schwebender Leichtigkeit schwindet. Denn so duftig ein einzelnes Taschentuch ist: Das ganze Objekt ist drei Tonnen schwer, und die Packungen im unteren Bereich werden unter dem Gewicht deutlich zusammengedrückt. Dass der Gebrauch von Taschentüchern mit wenig anheimelnden Flüssigkeiten zu tun hat, ist eine durchaus gewollte Assoziation. Rentmeister lotet gleichsam die „Feuchtgebiete“ des Skulpturalen aus und übt damit auch eine ähnlich humorvolle Kritik an idealistischen Werkbegriffen, wie sie Franz West oder Georg Herold seit den 1970er Jahren vorgenommen haben.
Thomas Rentmeister wurde 1964 in Reken/Westfalen geboren. Der Künstler, der einen Schwerpunkt seiner Arbeit auch in der Lehre setzt, verteidigt die Vielseitigkeit und Genauigkeit der Skulptur gegen das Diktat der Installation von Berlin aus, wo er gegenwärtig lebt und arbeitet.