Leicht macht es Liam Gillick dem Betrachter nicht. Schon das Entziffern der Schrift fällt schwer, trotz oder wegen der Größe der aus Aluminium geschnittenen Lettern, die da von der Decke hängen. Ineinander geschoben bilden sie einen scheinbar unentwirrbaren Buchstabensalat. Nur mit Mühe lassen sich daraus Sätze formen. Die sind auch dechiffriert nicht weniger rätselhaft. „Redundanz, die aus der Verlockung unbegrenzter Flexibilität entsteht, drei mögliche Endungen, Wiederbesetzung Wiedergewinnung Wiederherstellung, Rekonfiguration der jüngsten Vergangenheit, der Tag vor der Schließung einer Experimentalfabrik“ lauten die schlagwortartigen, im Englischen klangschöner alliterierenden Aussagen. Ohne Handreichung ist damit nicht viel anzufangen.
Die Sätze fungierten als Arbeitshypothesen bei einem Seminar, das Gillick im Jahr 2007 im Rahmen der unitednationsplaza in Berlin veranstaltete. Dabei ging es darum, die aktuellen Wirkmöglichkeiten von Kunst zu erkunden. An fünf aufeinanderfolgenden Tagen wurde in halbstündigen Sitzungen je ein Satz als Ausgangspunkt für mögliche Texte genommen, in denen gesellschaftliche oder gruppendynamische Prozesse behandelt wurden. Das Projekt auf dem Platz der Vereinten Nationen war durch die Absage der Manifesta 6 angestoßen worden und hat sich inzwischen zu einer Plattform entwickelt, an der über 60 Künstler, aber auch Theoretiker mitarbeiten. Die Arbeit fügt sich in das Werk eines Künstlers, der quer durch alle Rollen und Medien, die der Kunstbetrieb bereithält, nach den Bedingungen zeitgenössischer Kunstproduktion fragt.
Liam Gillick wurde 1964 im englischen Aylesbury geboren und lehrt an der New Yorker Columbia University. Er selbst studierte am Goldsmiths College London, der Kaderschmiede britischer Konzeptreflexion. Gillick beschränkt sich nicht auf die Rolle des Künstlers, sondern treibt seine Analysen auch als Kritiker, Kurator, Designer und Autor voran. 2009 wird er auf der Biennale in Venedig den deutschen Pavillon bespielen.