Als Joachim Brohm Ende der 1970er Jahre beginnt, seine Umwelt mittels Farbfotografie zu erfassen, war das sowohl in der Kunst als auch in der „seriösen“ Dokumentarfotografie unüblich. Werbung oder Urlaubsbilder durften bunt sein, künstlerisch ernst genommen wurde nur Schwarz-Weiß. Durchbrochen hatten dieses Dogma allein amerikanische Fotografen wie William Eggleston oder Stephen Shore, deren Ansatz für Brohm vorbildlich wurde. Dass der internationale Erfolg der zeitgenössischen deutschen Kunstfotografie vor allem mit der Becher- Schule assoziiert wird, hat Brohms Pionierleistungen lange in den Schatten gestellt, obwohl seine ersten Farbfotos denen des gleichaltrigen Andreas Gursky um einige Jahre vorausgehen.

Es sind über mehrere Jahre verfolgte Langzeitprojekte, die im Zentrum des Werks von Joachim Brohm stehen und 1979 mit der Serie Ruhr ihren Anfang nehmen. Dort hält er mit zurückgenommener Farbigkeit Alltagssituationen und Landschaften seiner westdeutschen Heimat fest. 1995 beginnt Brohm mit der Serie fahren, bei der er aus dem Auto heraus fotografiert und dabei Motive und Situationen einfängt, die gewöhnlich unbemerkt bleiben. Viele dieser Bilder entstanden auf Fahrten zwischen seinem Wohnort Essen und seinem Dienstort Leipzig, andere Beiträge zur Serie auf Reisen sowie in Ravensburg und Umgebung. Für Ausstellungspräsentationen fügt Brohm die einzelnen Bilder horizontal so aneinander, dass der Eindruck eines Filmstreifens entsteht. fahren bringt ein transitorisches Lebensgefühl zum Ausdruck und trifft damit auch den Zeitgeist.

Joachim Brohm wurde 1955 am Niederrhein in Dülken geboren und lebt heute in Essen und Leipzig. Der Folkwang-Absolvent hat langjährige Erfahrungen als freier Fotograf. Seit 2003 ist er Rektor der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst.