16. Januar 2012
Eva Rothschild: „Hot Touch” – Kunstverein Hannover. Vom 19. November 2011 bis 29. Januar 2012
Schnittige Stahlkonstruktionen stemmen sich von der Wand weg in den Raum. Ein Ring wie aus der Arena eines Dompteurs scheint in der Luft angehalten. Von der Decke präsentieren schwarze Hände filigrane Dreiecke. Die Bildhauerin Eva Rothschild zeigt ihre Arbeiten im Kunstverein Hannover und auf den Betrachter wirkt es, als sei er hineingeraten in einen Schleudergang der Kunstgeschichte. Minimal trifft Post-Minimal: Eva Hesses aufgeladene Materialstudien driften hier ebenso in die Gegenwart herüber wie Fred Sandbacks Gespür für den Raum. Rothschilds Arbeiten sind zart und opulent, lapidar und festlich. Sie wimmeln von Verweisen. Sie sind witzig, ernst und erhaben. Die 1971 in Dublin geborene Künstlerin arbeitet mit Styropor, Gips, Aluminium, Holz, Draht, Fiberglas und Leder – und sie kocht ihre ausufernde Lust am Material in einem alchemistischen Prozess auf, der erstaunliche Formen hervorbringt.
Wie viele Künstler ihrer Generation interessiert sich Rothschild für die Formensprache der 1960er- und 70er-Jahre, doch bildet dieses Interesse nur die Bodensaat ihrer künstlerischen Überlegungen. Wo viele Künstler ängstlich in der Affirmation des Zitats und im engen Abtasten des Kanonisierten steckenbleiben, eignet sich Rothschild das, was sie im Spiegelkabinett der Kunstgeschichte vorfindet, ebenso intuitiv wie strategisch an. Dabei bindet sie den Hang zu Eleganz und Narration konsequent zurück an die kühle Stringenz des Minimalismus. Sie setzt ihre anthropomorphen Löcherköpfe auf kantige Stahlsockel (Dr. Nut) oder lässt eine Schlange aus Leder sich durch eine massive, raumfüllende Polygonstruktur winden (Natural Beauty). Sie entwickelt - wie in Sweet Valley - eine romantische Landschaftsdarstellung im Raum allein durch ein paar hölzerne, fragile Rauten, die sie in ein Gestell aus Stahl steckt.
Rothschild nutzt mit einnehmender Selbstverständlichkeit einen durchs Handwerkliche erweiterten Materialbegriff, der sowohl durch die weibliche Avantgarde der 1920er- und 30er-Jahre, spätestens jedoch von feministischen Künstlerinnen der Siebziger in den Kontext der bildenden Kunst überführt wurde. Sie verbindet traditionelle handwerkliche Techniken wie Weben, Töpfern und Flechten mit Elementen klassisch skulpturalen Arbeitens wie Schweißen, Gießen oder Bauen. Sie bezieht eine fragile Lotosform aus Stahl mit geflochtenem Leder. Sie montiert Objekte, die an Garnrollen und Spindeln erinnern, zu strengen Stelen (Venus and Bigfoot). Sie verändert das Vorgefundene durch Farbe wie bei einer schwarzen Blume (Wandering Palm), deren Bestandteile Lackfolie, Kleberollen und Gummiräder allein zusammengehalten werden durch ihr opakes Schwarz.
Rothschilds Skulpturen sind gleichermaßen hart und weich, technoid und organisch. Doch so heterogen und verführerisch ihr Material auch sein mag; es geht stets um dessen Verwandlung, um etwas über das herauszufinden, was ein Objekt „über sein Material hinaus mit Kraft und Spiritualität“ auflädt, wie sie sagt. Eine Reise durch Eva Rothschilds skulpturales Universum bezieht die unterschiedlichsten Stopps mit ein: Molekularbiologie, Zirkus, Maschinenbau, Arts and Crafts, Raumfahrt und die Kunst der amerikanischen Ureinwohner. Und sie setzt konsequent dort auf Reduktion und Verfremdung, wo man geneigt sein könnte, dieses Werk eklektisch zu nennen.