Erwin Kneihsl bei Guido W. Baudach, Berlin-Charlottenburg

Das ferne Echo der Dinge

Hans-Jürgen Hafner
29. Januar 2010
Erwin Kneihsl – Galerie Guido W. Baudach, Berlin-Charlottenburg. Vom 23. Januar bis 6. März 2010

Wer hätte das gedacht? Wer hätte geglaubt, dass sich die gute alte Reduktionsformel der Moderne – wonach weniger angeblich mehr ist – eines Tages im Vermittlungskonzept der Galerie Guido W. Baudach niederschlagen würde? Hier musste es uns lange Zeit so vorkommen, als wären künstlerisches Programm und galeristisches Geschäftsprinzip identisch. Als wüchse die Galerie deshalb, weil der programmatisch harte Kern ihrer Künstler immer noch eins draufzulegen wusste. Weil die Formate parallel zum Kunst-Boom der letzten Dekade immer größer, die Installationen immer raumgreifender und damit der Anspruch auf künstlerische Geltung immer drängender wurde. So durch und durch zeitgemäß die Expansion in den Räumen im Wedding also daherkam, so sehr sie dem nur nach Kubikmeterzahl zu messenden Genie etwa eines André Butzer, Andreas Hofer, Markus Selg oder Thomas Zipp entsprach – für die seltenen, etwas sensibleren Talente im Baudach‘schen Artisten-Roster war das raue Industrieambiente in der Oudenarder Straße nur mit größter Mühe zu bewältigen.

Ein Glücksfall also, dass Baudach seit Kurzem zum nach wie vor breit aufgestellten Weddinger Standort eine schicke Dependance nahe des Charlottenburger Savigny-Platzes unterhält. Zwar wirkte die Eröffnungsgruppenschau unmittelbar vor Weihnachten schon arg leichthändig, manches der dort ausgestellten Werklein ein wenig sehr mit adventlich-heißer Nadel gestrickt. Was passieren kann, wenn man sich in Konkurrenz zu alteingesessenen Nobelboutiquen bewegt. Aber spätestens jetzt, mit Erwin Kneihsls aktueller Soloschau, wird offenbar: Selbst bei Baudach kann weniger mehr sein. Plötzlich wird sie nämlich wieder als Qualität sichtbar – jene obsessiv-serielle, bewusst lapidar, pfriemelig, hausgemacht-schrundige Kleinteiligkeit, mit der die Fotokunst des Österreichers daherkommt. Auf einmal erscheint die mitunter gefährlich selbstbezogen wirkende oder einfach nur autistisch inszenierte formale Sprache dieser Bilder nicht als formalästhetisches Defizit oder bloße künstlerische Koketterie. Nein, im intimen Format dieser Schau blickt uns aus den grobkörnigen, schwarz-weißen Fotos in ihren zugleich schönen aber auch unbeholfen zurechtgebastelten Rahmen ein ziemlich authentischer Kern entgegen.

Kneihsl (Jg. 1952) hat nicht nur im streng künstlerischen Sinne, sagen wir, eine Menge durchgemacht. Neben der ebenso ausführlich wie intensiv betriebenen Fotografie ist er als Performer und volkskundlich-experimenteller Filmemacher in Erscheinung getreten. Er gibt ein obskur-exquisites Magazin für Fototheorie heraus, produzierte Mappen- und Buchkompendien seiner Bilder, kollaborierte mit Künstlern, Autoren und Filmemachern, wie etwa 1980 mit Robert van Ackeren bei „Deutschland privat“, der ziemlich populär gewordenen Kompilation von Super-8- Amateurfilmaufnahmen. Dabei scheint es, als würde Kneihsl recht bewusst aus der Position eines wenig festlegbaren Grenzgängers heraus agieren. Als würde er nur unter der Bedingung einer strategisch vorgebrachten (und/oder womöglich biografisch motivierten) Randständigkeit tätig werden wollen.

Hier nun, bei Baudach, findet der Volkskundler, Künstler, Bildwissenschaftler und Eigenbrötler Kneihsl seine Motive auf dem Areal der „Wissenschaftsstadt“ im Berliner Stadtteil Adlershof. Speziell die historischen Architekturen der 1912 gegründeten „Deutschen Versuchsanstalt“ für Luftfahrt haben es ihm angetan. Vielleicht, weil die Funktion dieser Zweckbauten oftmals völlig undurchschaubar bleibt? Kneihsl kombiniert die kleinformatigen Silbergelatine-Abzüge seiner kuriosen Architekturmotive, durchwegs als Unikat und bewusst „handgemacht“ produziert, mit beinahe völlig abstrakten Seestücken (Untitled (L. A. Sea I-IV), alle 2010). Doch dieses inhaltlich unverbundene Gegenüber geht im Sinne des konzeptuell-formalen Treatments, wie es Kneihsl an seine Fotografien anlegt, bestens auf.

Unterminiert wird die Vorstellung von einem maschinell-naturgetreuen Abbild, das die Fotografie angeblich und im Dienste der Dokumentation von der Welt liefern könne. Es ist, als wolle Kneihsl jeden Anschein eines nur-indexikalischen Verhältnisses zwischen Bild und Welt um jeden Preis aufbrechen. Die sich auch dank reichlichen Toner- und Bleicheeinsatzes auflösende Grobkörnigkeit seiner Fotografien gibt ihre Gegenstände gleichsam als fernes Echo wieder, auratisiert das Bild gegenüber seinem Referenten, der wie im Nebel verschwindet. Zugleich thematisiert Kneihsl in der Art, wie etwa der Negativ-Rahmen mit ins Bild rückt, dessen Medialität. Doch gerät diese sofort wieder auf der Ebene der Präsentation unter Beschuss. Denn ohne Rücksicht aufs Exklusive des Unikats, auf das Handverlesene eines Silbergelatineabzugs tackert Kneihsl seine Blätter umstandslos auf grauen Pappkarton. (Warum man diese dann allerdings so schön standardisiert zu kleinen Vitrinenschreinen rahmen muss, ist der unklare Aspekt dieser dann zwar offensichtlich medien- aber keinesfalls warenkritischen Operation.)

Kneihsls ausführliche fotografische Bestandsaufnahmen – sie beinhalten immer auch einen Gestus des Zerstörerischen. Was er da als beflissener Sammler zusammenträgt, zerfällt im selben Moment in der Art und Weise seines unbedingt subjektiven Umgehens mit den Bildern. Denn dass das Verhältnis von Vorbild und Abbild brüchig ist, ist uns natürlich schon lange bewusst. Somit erschöpft sich der bildnerische Ansatz von Kneihsl auch ziemlich bald, selbst wenn er uns diesmal sehr überzeugend im konzentrierten Format vorgeführt wird.


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