7. April 2008
Gwangju Biennale (5. September bis 9. November 2008)Schanghai Biennale (8. September bis 16. November 2008)ShContemporary Schanghai (10. bis 13. September 2008)Singapur Biennale (11. September bis 16. November 2008)Yokohama Triennale (13. September bis 30. November 2008)Was die "Grand Tour" des europäischen Kunstsommers 2007 war, will der "Art Compass" 2008 in Asien sein: Innerhalb einer Woche werden im September die Gwangju Biennale in Korea, die Schanghai Biennale und die Gegenwartskunstmesse ShContemporary Schanghai, die Singapur Biennale sowie die Yokohama Triennale eröffnen.Nach dem Wunsch der "Art Compass"-Initiative werden sich die internationalen Kunstfreunde sogar zunächst noch das Finale der Sydney Biennale in der ersten Septemberwoche gönnen, ehe sie sich in den nächsten "Flugshuttle" nach Korea, China, Singapur und Japan stürzen.
Den Startschuss für das hierzu zweifellos nötige weiträumige Marketing gab eine Pressekonferenz am Freitag in Berlin. Vorgestellt wurde das Programm der Schanghai Biennale, die zusammen mit Gwangju das älteste Projekt ist - beide feiern ihre 7. Ausgabe seit 1996 respektive 1995. Nicht zufällig fand die Präsentation in der Hauptstadt-Dependance des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) statt, das vom Auswärtigen Amt gefördert wird: Mit Julian Heynen von der nordrhein-westfälischen Kunstsammlung K21 ist ein Deutscher unter den beiden Kuratoren.Er wird zusammen mit dem Niederländer Henk Slager von der Utrecht Graduate School of Visual Art and Design für das Projekt verantwortlich zeichnen. Die Gwangju Biennale hingegen kuratiert Okwui Enwezor.
Auch finanziell hat sich die Bundesrepublik engagiert: Das Goethe-Institut ist mit 200.000 Euro ein wichtiger Sponsor der Schanghai Biennale 2008. Hinzu kommt eine siebenstellige Spende der schweizerischen Privatbank Sarasin, die sich bis zur 11. Ausgabe 2016 als Langzeitsponsor verpflichtet hat. Das schmale Ausstellungsbudget von bisher rund 1,2 Millionen Euro seitens des Kunstmuseums Schanghai hat sich durch diese Zuschüsse mindestens verdoppelt und die Biennale, die sich im Jahr 2000 auch internationalen Künstlerinnen und Künstlern öffnete, hat nun erstmals auch die ökonomischen Mittel, um größer mitzuspielen. So konnten die Kuratoren für die auf 45 bis 50 Namen limitierte Künstlerliste mit den bisher nominierten Teilnehmern Zhou Chang Jiang, Yin Xiuzhen, Bu Hua (alle China), Kim Sanggil (Korea), Hito Steyerl (Japan/Deutschland), Mike Kelley (USA), Clemens von Wedemeyer (Deutschland), Lonnie van Brummelen & Siebren de Haan (Niederlande) und Bethan Huws (England) auch einige Auftragswerke versprechen. Bethan Huws ist bereits nach Schanghai gereist, um den „Platz des Volkes“ zu inspizieren, der im Zentrum unmittelbar neben dem für die Biennale komplett in Beschlag genommenen Kunstmuseum liegt. Wegen seiner Bedeutung für die heutige Stadt wie für ihre Geschichte haben die Kuratoren den Platz zum wichtigsten Ausgangspunkt des Ausstellungskonzepts erkoren. Er sei "der beste Schauplatz für Transfer, Verbindung, Konnexität, Zusammentreffen sowie sozialen und ökonomischen Austausch".
Für westliche Ohren könnten diese Schlagworte zur Genüge bekannt klingen, für das lokale Publikum in China seien sie aber angesichts des rasanten Wandels der Städte und des städtischen Lebens gut gewählt, meinen die Verantwortlichen. Das entsprechende Ausstellungsmotto sei eine Wortschöpfung nach einem chinesischen Begriff: "Translocalmotion". Nach "Hyperdesign" 2006 verweist das neue Motto in jedem Fall darauf, dass die Ausstellung wieder stärker den gesellschaftlichen Raum und seine Prozesse beobachten wird. Mike Kelley etwa wird Heynen zufolge aus früheren Arbeiten einen mehrteiligen Beitrag zur Utopiekritik beisteuern, einen - besonders in China - zwiespältigen Kommentar "zum unbedingten Glauben an die Machbarkeit der Zukunft". Clemens von Wedemeyer wird mit seinem Film Otjesd (Leaving) vertreten sein, der mit russischen Darstellern Migration und Bürokratie thematisiert.
Freilich müssen die Kuratoren mit Hindernissen rechnen, die entweder schlicht durch den kulturellen Unterschied zu China oder gezielt durch die chinesischen Behörden entstehen. Heynen benutzte auf dem Podium den auf ungewöhnliche Weise gefalteten, in der Mitte überraschend geschlitzten Programmflyer, um galant zu demonstrieren, welche Überraschungen und Verwirrungen die Zusammenarbeit bisher für ihn mit sich gebracht habe. Im anschließenden persönlichen Gespräch wurde er deutlicher: "Es ist etwas anderes, Kunst unter den Vorzeichen einer Diktatur zu zeigen. Darüber darf man sich von der ökonomischen Öffnung nicht hinwegtäuschen lassen", sagte er. Mit den chinesischen Kollegen habe man keine gemeinsame Sprache, sondern nur eine "Augensprache". So wisse man manchmal nicht, wo politisch sensible Themen begännen. Ohne auf Details einzugehen, deutete Heynen an, dass es bereits Schwierigkeiten mit einzelnen Aspekten von Arbeiten oder Projektvorschlägen gegeben habe. Die Tibetkrise sorge für eine "gesteigerte Nervosität" auf Seiten der chinesischen Funktionäre. Die Kuratoren und der künstlerische Direktor der Schanghai Biennale, Zhang Qing, sähen sich einem Akademischen Komitee gegenüber, das als Kontrollgremium fungiere.
Dagegen zeigte sich Zhang Qing, der auf der Pressekonferenz ausschließlich Chinesisch sprach und von einer Dolmetscherin übersetzt wurde, überrascht von der Frage nach möglichen Interventionen. Einen Bericht der New York Times, demzufolge die Kuratoren bei der ersten internationalen Biennale 2000 zahlreiche Kompromisse machen mussten, wollte er nicht kommentieren. Die radikalsten Arbeiten von Künstlern, die damals offiziell ausgeschlossen worden seien, waren der Zeitung zufolge nur bei unabhängigen Satelliten-Schauen zu sehen - die immerhin aber nicht geschlossen worden seien. Zhang Qing, der hauptberuflich das Kunstmuseum Schanghai leitet, gab an, davon nichts zu wissen. Er gehe davon aus, dass sich die Behörden nicht in die Arbeit der Kuratoren einmischten. Ein Satelliten-Programm soll es auch diesmal wieder im Flughafen und im Hauptbahnhof geben. "Ich glaube immer noch daran, dass solche Ausstellungen zu Aufklärung und größerer Öffentlichkeit beitragen, sonst würde ich die Arbeit nicht machen", sagte Heynen. "Man muss diesen Prozess jetzt erstmal durchstehen."