Erste Eindrücke von der Art Miami und Design Miami

Besonnene Vielseitigkeit

Stefan Kobel
2. Dezember 2009
Vorsichtiger Optimismus ist die Grundstimmung am Vorabend der Art Basel Miami Beach im Jahr 2009. Die größten Turbulenzen scheinen ausgestanden, die Opfer gezählt. Ernüchterung ist eingekehrt in die große Partygemeinde, nachdem der Schock des letzten Jahres verdaut ist. Hatte man damals gerne noch trotzig so getan, als wäre überhaupt nichts passiert, ist man jetzt eher bereit, die Realitäten anzuerkennen und Strategien für den Umgang damit zu entwickeln. Gute Beispiele liefern zwei Veranstaltungen, die in diesen Tagen mit als Erste ihre Pforten öffnen: die Art Miami und die Design Miami, zwei Messen, die den Charakter der kometenartig aufgestiegenen Kunstmetropole in seinen Extremen verkörpern und doch ähnliche Wege eingeschlagen haben, den Kunstmarkt der Zukunft an diesem Standort zu entwickeln.

Die Art Miami feiert in diesem Jahr ihren 20. Geburtstag. Die älteste Kunstmesse der Stadt, die durch die Schweizer Konkurrenz an den Rand des Zusammenbruchs getrieben worden war, hat sich auf ihre Wurzeln besonnen und steht mit ihrer aktuellen Ausgabe besser da als seit vielen Jahren. Das Erfolgsgeheimnis liegt darin, die eigene Rolle anzunehmen und sich nicht als x-te Sau durchs Dorf jagen zu lassen. Das Rezept mag auf den ersten Blick verwirren. Die Bandbreite des Angebots ist erstaunlich vielfältig, nicht nur in Bezug auf den Variantenreichtum des Angebots, sondern auch hinsichtlich der Qualität. Viel Secondary Market aus dem gehobenen Bereich ist zu sehen, daneben etwas weniger international diskursfähige junge Kunst, aber auch Dinge, die auf den Top-Messen wohl keine Chance hätten. Messechef Nick Korniloff entschuldigt sich für diese scheinbaren Ausreißer noch nicht einmal, im Gegenteil. Denn die sind Teil der Strategie: „Die Art Miami hat die Verantwortung, Sammler auf jedem Level und Niveau anzusprechen.“ Gemeint ist damit nicht nur, dass sowohl für den Multimillionär wie für den Nachwuchssammler erschwingliche Kunst angeboten werden soll. Die Messe muss sich auch auf ihren Ursprung besinnen. Die Art Miami war über ein Jahrzehnt lang der maßgebliche Marktplatz für das wohlhabende einheimische Publikum. Die übermächtige Konkurrenz am Strand zielt aber vor allem auf eine globalisierte Sammlerschaft. Im Zelt in der Nähe des Design Districts hingegen sollen zunächst die lokalen Sammler bedient werden. Und die wollen zum Teil eben anderes als die international angesagte Kuratoren-Kunst.

Schon mit der letzten Ausgabe hatte der da gerade neu angetretene Korniloff diesen Ansatz deutlich gemacht. Dieses Jahr hat er den langfristigen Anspruch des Unternehmens nicht nur im übertragenen Sinne zementiert. Der Veranstalter hat sich bis 2013 an den Standort gebunden und sein Kontinuitätsversprechen mit einem vollflächig gegossenen Estrichboden für das Zelt bekräftigt, der sich ohne Weiteres nicht mehr entfernen lässt. Doch auch jenseits solcher symbolischen Gesten bemüht sich die Messe um nachhaltige Attraktivität. Denn es wurde nun auch eine Videosektion eingerichtet, die von zwei Kuratoren betreut wird und ausschließlich Unverkäufliches aus privaten und öffentlichen Sammlungen präsentiert. Das hat nicht nur pädagogischen Anspruch, sondern zielt gleichzeitig auf das professionelle internationale Publikum, das sonst vielleicht nicht zu der vermeintlichen Regionalmesse gekommen wäre. Mit dieser lokalen Verankerung und dem gleichzeitigen Fokus auf eine internationale Klientel nimmt die Art Miami eine Sonderstellung unter den Satelliten ein.

Ein ähnliches Vorgehen lässt sich bei der Design Miami beobachten, die mit ihrer aktuell fünften Ausgabe eher ein Nachzügler ist. Nach der bunten Sturm- und Drangphase bemüht man sich hier ebenfalls um eine solidere Basis. Die kommt einerseits von den Ausstellern. Da die USA selbst seit den 1960er-Jahren in Sachen Design kaum nennenswerte Eigenleistungen vorzuweisen haben, ist viel Europäisches zu sehen, auch bei den amerikanischen Händlern. Oder eben bei den Europäern. Patrick Seguin aus Paris geht gleich richtig in die Vollen und zeigt an seinem Stand nur Theoretisches: Zeichnungen, Modelle, Dokumentarisches und Videoanimationen von Häusern, die Jean Prouvé gebaut hat, etwa das „Prefab House“ von 1944, das kriegsbedingt obdachlos gewordenen Einwohnern der Lorraine vorübergehend eine Bleibe bot. Seguin hat je ein Exemplar von drei verschiedenen Haustypen aufgetrieben und restauriert. Verkauft werden hier tatsächlich die Häuser – ab 400.000 US-Dollar. Mitterrand + Cramer aus Genf haben rotierende Stoff-Installationen des Designer-Trios Atelier Oï mitgebracht, die sich auf Eadweard Muybridge berufen und den hypnotischen Kleiderkreiseln von Flamencotänzerinnen nachspüren. Die Messe selbst hat sich das Chaos eines Künstlerworkshops ins Haus geholt, in dem aus Sperrmüllmöbeln und Messebauabfall ständig und lärmig neue Sitzgelegenheiten zusammengebastelt werden. Besucher können hier an einem Magazin mitarbeiten, das während der Laufzeit der Messe in 50er-Auflagen immer wieder neu produziert wird.

Ob diese Form der Nachhaltigkeitsproduktion in dem ansonsten theoriearmen Angebot wirklich Mehrwert produzieren kann, scheint zunächst fraglich. Allerdings, so gibt die Angestellte eines der europäischen Aussteller zu bedenken, sei in Hinblick auf das Publikum eine gewisse Schnittmenge zur Art Basel oder zu vergleichbaren europäischen Veranstaltungen durchaus zu beobachten. Hier gäbe es nur einen viel größeren Anteil unter den Besuchern, die eindeutig keine potenziellen Kunden seien. Und bei einigen Ständen würde das Hinschauen schon schmerzen. Doch sorge das Rahmenprogramm dafür, dass die Sammler und Kuratoren, auf die das eigene Angebot ziele, den Weg ins Design District fänden.

Ob allerdings die internationale Kunstkarawane den Weg nach Miami findet, ist noch nicht ausgemacht. Kurz vor Messestart sanken die Hotelpreise wie schon im letzten Jahr ins Bodenlose, und der informelle Ausstellertreff im Raleigh Hotel war deutlich spärlicher besucht als gewohnt. Zum ausgelassenen Feiern scheint im Vorfeld niemand aufgelegt zu sein. Andererseits empfindet auch niemand die Notwendigkeit, sich Mut anzutrinken.

Art Miami, The Art Miami Pavilion, The Miami Midtown Arts District. Vom 2. bis 6. Dezember 2009
Design Miami, Temporary Structure, NE 39th Street & 1st Court. Vom 2. bis 5. Dezember 2009


Mehr im Dossier  Art Basel Miami Beach 2009

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