Eröffnung der Art Basel Miami Beach

Experimente mit dem Kundeninteresse

Stefan Kobel
4. Dezember 2009
Basel hatte Brad Pitt als prominentesten Sammler herumgereicht, Miami prunkt nun mit Sylvester Stallone. Allerdings war „Rambo“ nicht als Sammler auf der Vernissage der Art Basel Miami Beach zugegen, sondern als Künstler. Unter dem etwas zweifelhaften Label „Aspects of Pop Art“ bietet die Galerie Gmurzynska bunte Gemälde des „Italian Stallion“ schon zu Preisen um 40.000 US-Dollar an. Auch das charakterisiert die Art Basel Miami Beach 2009. Nicht wenige Galerien stehen den schwankenden Marktbedingungen ratlos gegenüber und laufen dem vermuteten Kundeninteresse hinterher. Stärker als bei der größeren Schwester in Europa mischt sich hier im Convention Center das Exotische mit monotoner Standardware. Der Käufermarkt setzt den Handel noch immer unter Druck, was bei manchem Anbieter die Fantasie zu lähmen scheint. Gerade die Großgalerien fallen durch hochkarätige Beliebigkeit auf. Und allzu Teures möchte man, so scheint es, seinen Kunden auch noch nicht wieder zumuten. Ein Picasso zu 7,5 Millionen US-Dollar, wie ihn Acquavella anbietet, gehört schon zu den preislichen Ausreißern. Dem stehen hilflos anmutende Versuche einer neuen Bescheidenheit wie bei Annely Juda gegenüber, wo zwei Außenwände des Standes mit neuen und großen, aber schwachen Computerzeichnungen von David Hockney in 12er-Auflagen behängt werden, die allerdings auch schon ab 22.500 US-Dollar zu haben sind. Optimisten sind sicher, dass die Kauflaune wieder erwacht und träumen sich bereits in alte Zeiten zurück. Doch was der von der Krise geläuterte Kunde wirklich will, ist bislang nicht klar. Allzu viel Orientierung bietet ihm die Messe auf Anhieb jedenfalls nicht.

So richtig rund scheint die Kunstmarktmaschine noch nicht zu laufen. Ein vielsagendes Zeichen hierfür ist die Koje von The Project aus New York, die laut Ausstellerschild auf der Messe als Galerie Christian Haye, New York/Berlin, firmiert. Noch unmittelbar vor Eröffnung der Messe herrschte hier gähnende Leere. Dem Galeristen ist offensichtlich ganz kurzfristig etwas sehr Ernsthaftes dazwischengekommen. Händlerkollegen führen wirtschaftliche Gründe an. Im Laufe des Tages ging es zu wie auf einer Vorstadtbrache. Wer immer Verpackungsreste und andere Überbleibsel zu entsorgen hatte, ließ sie nun auf Hayes verwaister Standfläche zurück. Der niederländische Künstler Marc Bijl, der gegenüber bei The Breeder eine anarchisch-manierierte Post-Punk-Installation aufgebaut hat, empfand das Marktvakuum bei Haye amüsiert als echte Konkurrenz. Auch auf Messen sind das Chaos und die Brutalität des wahren Lebens durch die Simulationen der Kunst kaum zu schlagen. Am Ende griff dann Sies + Höke aus Düsseldorf ein, eroberte das leere Terrain und arrangierte auf dem Estrich ein Schachset von Kris Martin, das mit echtem Händlerglück sofort nach Belgien verkauft wurde. Das war ein nicht untypischer Erfolg, denn den amerikanischen Sammlern gegenüber muss man zurzeit noch Geduld beweisen. So übt sich Claes Nordenhake in der Tugend schicksalsergebener Gelassenheit: „Alle Galeristen leben von der Hoffnung.“ Zu so viel Langmut gäbe es jedoch auch Anlass: „Wenn man keine heiße Ware hat, muss man auch nicht auf die ersten Stunden bauen.“ Ähnlich argumentiert Ernst Hilger: „Früher haben wir in den ersten Stunden zwei Drittel des Standes verkauft. Jetzt haben wir zwei Drittel des Standes besprochen.“ Grund zur Besorgnis ist das für ihn nicht. „Ich bin optimistisch, dass wir mit einem Plus hier wegfahren“, meint er, nicht ohne eine Einschränkung hinzuzufügen. Er sei Realist und glaube, „dass es nur ein kleines Plus sein wird.“

Die Erfahrung muss man sogar bei Eigen + Art machen, die zwar eine deutsche Reservierung für ein neues Großformat von Neo Rauch vorweisen können, allerdings ansonsten einige kleinere Verkäufe und reges Interesse vermelden – statt wie üblich einen ausverkauften Stand. In der ersten Stunde hielt sich der Andrang in Grenzen, wie man bei Alison Jacques zunächst mit Schrecken konstatierte. Dann habe man jedoch festgestellt, dass der Teil des Vernissage-Publikums, auf den es inhaltlich wirklich ankomme, vergleichsweise hoch sei. Der Glamourfaktor sinkt, und würde nicht zugleich die Vielfalt zu oft in Beliebigkeit umschlagen, wäre das eine gute Nachricht für die Großmesse in Florida und ihre Hoffnung auf eine Wiedergeburt im Zeichen der Qualität anstelle des finanziellen Feuerwerks.

Ganz offensichtlich trägt man jetzt auch draußen generell weniger Glitzer und Gold. Auf der Messe selbst gibt es zwar noch das eine oder andere Strass-besetzte Kunstwerk, die Zeichen stehen aber auf Konsolidierung. Das Kunstwerk allein reicht kaum aus, die Galerien müssen mehr Hintergrundinformationen aufbieten als in den Jahren zuvor. Hier aber liegt das Dilemma der Art Basel Miami Beach 2009. Die Messe musste wachsen. Das neue Konzept sieht eine Konzentration aller Stände, auch der jungen, innovativen Art Positions im Messegebäude vor. Es gibt keine Reservate mehr für Spezialkategorien und ausgesuchte Qualität außerhalb des Marktgetümmels, wie das einmal an der Ocean Front direkt am Atlantik der Fall gewesen war. Diese Sektionen wurden nun in den Parcours eingegliedert, wodurch die Messe auf nicht mehr sinnvoll zu bewältigende 275 Galeriestände angeschwollen ist. Zudem hat sie sich auf zwei Hallen ausgedehnt. Da geht vieles unter. Besonders schade ist es um die durchdachten, intelligenten, bisweilen gewagten oder einfach großartigen Präsentationen, die es hier durchaus gibt. Es sind dies museale Klassikerschauen wie Alexander Calder bei Helly Nahmad oder eine Fluxus-Präsentation bei Krinzinger. Da halten viele junge Galerien, vor allem aus Europa, mit eindrucksvollen Visitenkarten gegen, wie etwa neugerriemschneider mit einem Holzpavillon von Jorge Pardo oder Klemm‘s, wo der Stand tatsächlich kuratiert und nicht nur zusammengestellt ist. Davon gibt es Einiges zu sehen. Man findet aber gerade die interessantesten Positionen nur mit detektivischem Spürsinn.

Während der Markt echte Wegweisungen sucht, von den Galerien geführt und angeleitet werden will, zeigt die Art Basel Miami Beach noch einmal die ganze Breite des Angebots, kriterienfrei und ohne Unterschiede. Ob das weise ist? Wäre Reduktion nicht ein Signal, mit dem die europäisch geführte Messe dem amerikanischen Markt qualitative Impulse geben könnte? Wie auch immer man diese Fragen beantwortet, eine spürbarer ordnende Hand der Messeleitung wäre angesichts dieser überbordenden Fülle jedenfalls wünschenswert. Das sehen auch viele Galeristen so, die Messen inzwischen als notwendiges Werkzeug, nicht als Selbstzweck und alleiniges Heilmittel sehen. Die immer noch eindrucksvolle Messe in Miami Beach könnte ein präziseres Werkzeug werden.

Art Basel Miami Beach, Miami Beach Convention Center. Vom 3. bis 6. Dezember 2009


Mehr im Dossier  Art Basel Miami Beach 2009

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