9. Dezember 2011
Überraschungszuschläge und Millionenumsätze: Dass Deutschlands Auktionen nach wie vor Einkaufsparadies für vor allem auswärtige Kunstliebhaber sind, beweisen auch in dieser Saison die Ergebnisse in Berlin, Hamburg, Köln und München. Sammler und Händler aus England, Russland, Japan und den USA schlugen bei den Versteigerungen kräftig zu. Mehrfach wurden Sensationspreise erlöst, da sich Interessenten auf ein und dasselbe Kunstwerk eingeschossen hatten. Die Bankenkrise, so scheint es, begünstigt gar den finanzwirtschaftlichen Trend, die Kunst als Kapitalanlage zu nutzen.
Villa Grisebach
Platz eins im deutschen Auktions-Ranking gebührt ergebnistechnisch unangefochten dem Berliner Auktionshaus Villa Grisebach. Das 25-jährige Bestehen des Unternehmens feierte man mit erneuten Rekordumsätzen und schloss das Jubiläumsjahr mit über 55 Millionen Euro (inkl. Aufgeld) ab. Über 28 Millionen Euro (inkl. Aufgeld) spielte die viertägige Auktion vom 23. bis 26. November ein. Allein die Abendauktion am 24. November erlöste 17,7 Millionen Euro (inkl. Aufgeld). Vier Bilder rissen die Millionen-Marke, darunter Emil Noldes Sonnenblumen im Abendlicht (Zuschlag 1,46 Millionen Euro, inkl. Aufgeld) und Wassily Kandinskys Aquarell Ringsum, das sich ein Schweizer Sammler für 1,28 Millionen Euro (inkl. Aufgeld) sicherte. Den Auftakt des Auktionsreigens machte am 23. November die erfolgreiche Spezialauktion „Kunst des 19. Jahrhunderts“, mit der der neue Gesellschafter Florian Illies das Programm des Auktionshauses erweitert hatte. In dieser Sparte wurden fünf- und sechsstellige Preise erreicht, wie etwa für Friedrich Nerlys frühes Ölgemälde Forum Romanum (Zuschlag 172.000 Euro, Taxe 50 bis 70.000 Euro).
Lempertz
Auch das Kölner Auktionshaus Lempertz realisierte in diesem Herbst eines der besten Ergebnisse der letzten Jahre: Allein 7,1 Millionen Euro spielten die Auktionen „Alte Kunst“ (19. November) und „Kunstgewerbe“ (17. November) ein. Darüber hinaus brach Lempertz den Rekord für Porzellan auf dem deutschen Markt: Die berühmte Sitzende Löwin (Meißen, 1733), die August der Starke für die Ausstattung seines Japanischen Palais bei dem jungen Bildhauer Johann Gottlieb Kirchner in Auftrag gegeben hatte, verteidigte ein japanischer Sammler für 1,1 Millionen Euro (Taxe 800.000 Euro) erfolgreich am Telefon. Heiß umkämpft war Ludwig Richters Ölbild Gewitterstimmung von 1836, das für 468.000 Euro an einen deutscher Sammler ging. Lancelot Théodore Comte de Turpin de Crissés großformatiges Gemälde des Athener Parthenon mit den noch originalen „Elgin Marbles“ wurde allerdings für 410.000 Euro unter Vorbehalt zugeschlagen (Taxe 450 bis 500.000 Euro). Highlight der Moderne-Auktion am 2. Dezember war Max Beckmanns 1930 datierte Papierarbeit Löwenbändiger (Zirkus), für die ein deutscher Käufer knapp das Dreifache der Schätzung investierte (Zuschlag 864.000 Euro).
Bassenge
Jede Menge Preissprünge und daraus resultierende Top-Zuschläge im fünf- und sechsstelligen Bereich verzeichnete das Berliner Auktionshaus Bassenge mit den Kunstauktionen vom 24. bis 26. November, die insgesamt sechs Millionen Euro einspielten. Das Bildnis eines Bauern vor einer Kathedrale von Jan Toorop, taxiert mit 12.000 Euro, kletterte am 25. November nach einem halbstündigen Bietgefecht auf 425.000 Euro. Den Zuschlag erhielt der New Yorker Kunsthandel French & Company. Weitere Erfolge gab es bei den Gemälden: Von 12.000 Euro auf 92.000 Euro steigerte sich das dem russischen Maler Wladimir Lukitsch Borowikowski zugeschriebene Gemälde einer jungen Frau im weißen Empirekleid, von 10.000 Euro auf 75.000 Euro die Geburt Christi, ein Gemälde der Umbrischen Schule um 1490, wohl aus dem Umkreis von Pietro Perugino oder Pintoricchio. Für 29.000 Euro, mehr als das Zehnfache der Taxe, kam ein um 1600 entstandener Entwurf für eine Silberschale mit Bacchus und Seeungeheuern unter den Hammer.
Van Ham
Das Kölner Auktionshaus Van Ham sorgte ebenfalls für Überraschungen und realisierte am 18. November mit 740.000 Euro einen Rekordpreis für Franz Pforrs Nächtliche Heimkehr, eine „Inkunabel der nazarenischen Malerei“, so einst der Kunsthistoriker Helmut Börsch-Supan (Taxe 130.000 Euro). Einen weiteren Top-Zuschlag von 50.000 Euro notierte Van Ham für eine bislang unbekannte klassizistische Stutzuhr aus der Manufaktur David Roentgen (Taxe 5.000 Euro). Bei den Altmeistern dagegen wurden die Stillleben von Georg Flegel und Gerrit Dou nur unter Vorbehalt zugeschlagen (170.000 Euro, Taxe 220.000, bzw. 90.000 Euro, Taxe 150.000 Euro). In der Moderne-Auktion am 1. bis 2. Dezember brachte Joseph Beuys Bleistiftzeichnung Toter Mann und Hirschskelett mit 52.000 Euro mehr als das Zehnfache der Schätzung (Taxe 5.000 Euro), und Pierre Soulages unbetitelte Gouache kletterte von 30.000 auf 130.000 Euro. Gefragt waren auch Bilder des deutsch-amerikanischen Malers Rudolf Bauer (Tempo, 1918, Zuschlag 240.000 Euro).
Hauswedell & Nolte
Die Verkaufsquote der Moderne-Abendauktion (Teil I, 2. Dezember) bei Hauswedell & Nolte in Hamburg lag bei 80 Prozent. Das höchste Ergebnis der Versteigerung spielte Willi Baumeisters Spätwerk Monturi von 1954 ein, das sich ein Schweizer Sammler für 315.000 Euro sicherte (Taxe 125.000 Euro). Baumeisters Papiercollage Montaru wurde für 103.300 Euro (Taxe 36.000) abgegeben. Mit einem Werk von Käthe Kollwitz konnte Hauswedell & Nolte einen weiteren Preissprung verbuchen: Ihre Tuschezeichnung Schwangere, ins Wasser gehend von 1909 kletterte auf 199.000 Euro, dem mehr als Dreifachen des Schätzpreises. Ernst Ludwig Kirchners begehrter Brücke-Holzschnitt Mit Schilf werfende Badende (Taxe 36.000) ersteigerte das Metropolitan Museum in New York für 83.100 Euro. Andy Warhols farbige Serigraphie Marilyn Monroe (Taxe 28.000) ging für 81.900 Euro in den deutschen Handel.
Ketterer
1,6 Millionen Euro erlöste Ketterers Auktion „Wertvolle Bücher“ in Hamburg am 21. und 22. November und übertraf damit das Frühjahrsergebnis um mehr als 100.000 Euro. Allein bei der Abend-Auktion konnte das Haus eine Verkaufsquote von 86 Prozent notieren. Highlight war George Catlins seltenes Zeitdokument „North American Indian Portfolio“ (London 1844), das bei 87.600 Euro (inkl. Aufgeld) einem deutschen Bieter zugeschlagen wurde, bei vorheriger Schätzung auf 45.000 Euro. Starke Nachfrage erfuhren darüber hinaus Lose der Abteilung Expressionismus: Einem Londoner Händler waren nahezu sämtliche Ausgaben der Wochenschrift „Der Sturm“ (1910/29, Taxe 18.000 Euro) 52.800 Euro (inkl. Aufgeld) wert.
Metz
Erfreuliche Steigerungen beim Kunsthandwerk verbuchte das Heidelberger Auktionshaus Metz in seiner 250. Jubiläumsauktion am 26. November, bei der insgesamt 87 Prozent verkauft werden konnte: Ein seltenes Dresdener Siegel, verziert mit einer Mohrenbüste aus Schildpatt und Halbedelsteinen, wohl aus der Werkstatt von Johann Melchior Dinglinger, dem Hofjuwelier August des Starken, kletterte von 6.000 auf 19.000 Euro. Eine museale Silber-Taufkanne mit alttestamentarischen Szenen (Königsberg um 1597/1600) wurde erst bei 150.000 Euro zuschlagen (Taxe 36.000 Euro).
Fischer
Mit einer Verkaufsquote von 60 Prozent und einem Umsatz von 500.000 Euro schloss die Spezialauktion „Russische Kunst“ bei Dr. Fischer in Heilbronn am 17. November ab. Gute Zuschläge erzielten hier die Ikonen des 16. bis 20. Jahrhunderts: Eine monumentale Ikone Anastasis-Ikone mit der Darstellung der Höllenfahrt (Zentralrussland, wohl Palech) aus einer süddeutschen Privatsammlung ging für 20.000 Euro in eine amerikanische Sammlung. Top-Los unter den Gemälden war eine Robert Rafailovich Falk zugeschriebene Ansicht von Samarkand, die sich ein russischer Privatsammler sicherte (Zuschlag 20.000 Euro).
Von Zezschwitz
Das junge Münchner Auktionshaus Von Zezschwitz aus München feierte sein zehnjähriges Bestehen mit einer Abendauktion am 1. Dezember und erlöste dabei vier- bis fünfstellige Preise: Ein deutscher Sammler investierte 25.000 Euro für die Capri-Studie des Jugendstil-Künstlers Hans Christiansen. Heiß begehrt war das Richard Riemerschmid-Zimmer aus dem Jahr 1903. Ein Schrank aus diesem Ensemble erreichte schließlich 32.000 Euro. Eine Tiffany-Leuchte aus hellgrünem und weiß marmoriertem Opalglas wurde allerdings unter Taxe für 10.000 Euro abgegeben.
Alle angegebenen Preise und Ergebnisse ohne Aufgeld, wenn nicht anders angegeben.