6. März 2012
Dass alles seine Zeit habe, und die Dinge sich oft überraschend ändern, wusste nicht nur der weise König Salomo, sondern auch Pete Seeger, der sich 1950 aus den alttestamentarischen Versen des Predigers sein Lied reimte, das nicht nur weltberühmt werden sollte. Klingt doch sein „Turn! Turn! Turn!“ wie die prophetische Parole zum derzeitigen Zustand der Kultur- und Geisteswissenschaften, die vor lauter „Wenden“ alsbald nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf eigentlich noch steht. Aus Thomas S. Kuhns „Paradigmenwechsel“, Michel Foucaults „Archäologie der Diskurse“ oder Martin Heideggers berüchtigter „Kehre“ wurde ein pfiffiges Label, mit dem sich jeder mehr oder minder gescheite kulturwissenschaftliche Forschungsansatz chic etikettieren, sprich: exzellenzverdächtig als „Turn“ verkaufen lassen kann.
Da tut Orientierung not, der Aufweis belastbarer Kriterien, mit denen sich aus dem Wust forschungsstrategischer Innovationen tatsächlich jene fundamentalen Einschnitte erkennen lassen, die eine „Revolution unserer Denkungsart“ (Kant) anzeigen; eine radikale Veränderung in der Art, wie wir Wirklichkeit und uns selbst überhaupt begreifen können. Emmanuel Alloa gebührt das Verdienst, dies mit seiner Anthologie für einen der interessantesten, strittigsten und disparatesten Bereiche erschlossen zu haben. Und das am prominenten Fallbeispiel. Was also im Titel eher bescheiden daherkommt, die „Bildtheorien aus Frankreich“, exemplifiziert nicht nur, wie geisteswissenschaftliche Forschung sich in Frankreich in den letzten rund hundert Jahren an Phänomen des Bildes neu versuchte. Denn die 1994 zeitgleich als „iconic turn“ (Gottfried Boehm) oder „pictorial turn“ (W. J. T. Mitchell) eingeführte Bestimmung drängt zunehmend darauf, das Bild nicht nur als Gegenstand, sondern als Medium des Denkens selbst zu realisieren. Nicht mehr nur über, sondern in und durch Bilder zu denken, aber wird für die Theorie und Praxis der Wissenschaft und ihrer Darstellung, ja der Kultur als Ganzes unabsehbare Folgen zeitigen.
Dabei aber scheint ausgerechnet Frankreich – im Gegensatz etwa zu Deutschland mit seiner reichen, bis ins 19. Jahrhundert zurückreichenden bildtheoretischen Tradition – ein überaus unsicherer Kantonist zu sein. Martin Jay brachte die These von der grundsätzlichen Bild- und Visualitätsfeindlichkeit des französischen Denkens in Umlauf. Was der Philosophiehistoriker aus Berkeley indes übersah, war eine Differenz, die Emmanuel Alloa anhand einer Bemerkung von Maurice Merleau-Ponty einzieht und die mit einem Schlag das gesamte Terrain des philosophischen Ikonoklasmus à la française in ein neues Licht taucht: „Bildkritik … ist zunächst Repräsentationskritik.“
In exakt diesem Sinne entpuppt sich jene Kritik am Bild als Kritik an seiner Vorstellung als bloß sekundärer Kopie einer Wirklichkeit, die schließlich durch ihr imaginäres Double verdeckt zu werden droht. Erst die Demontage des Bildes als schlichtes Abbild, Reproduktion und Repräsentation öffnet den Weg, das Bild wie eine Berührungsfläche zwischen Ich und Welt zu fassen. Die Faszinationskraft, die Bildern eignen kann, kommt von diesem rätselhaften Vermögen her, das Kunst, Philosophie und alle daran angrenzenden Diskurse gleichermaßen beunruhigt wie gefangen nimmt.
Auswahl, Arrangement und Komposition des Bandes verdanken sich also weniger einem theoriegeschichtlichen als einem ausgewiesen systematischen Interesse. Vorgestellt werden nicht nur 12 bislang unübersetzte oder nur schwer zugängliche Primärtexte – unter anderem von Henri Bergson über Emmanuel Lévinas, Maurice Blanchot, Henri Maldiney, Gilles Deleuze bis zu Jacques Derrida, Louis Marin und Georges Didi-Huberman u.a. Vorgestellt wird vor allem eine Denkkonstellation, die durch dieses Ensemble hindurchscheint: Zum Höhepunkt gereicht der Anthologie zweifellos der Abdruck von Jean-François Lyotards „Veduta auf ein Fragment der Geschichte des Begehrens“ aus seinem noch unübersetzten Frühwerk „Discours, figure“ (1971), worin Lyotard in der Spannung zwischen Renaissance und Moderne die Idee einer Bildlichkeit vorzeichnet, deren Visualität sich nicht plan in die Lesbarkeit eines Textes übersetzen lässt.
Emmanuel Alloa (Hg.): „Bildtheorien aus Frankreich. Eine Anthologie“, Wilhelm Fink Verlag, München 2011. 379 Seiten. ISBN 978-3-7705-5014-2. EUR 39,90