Elmgreen & Dragsets „Han“ im Hafen von Helsingør, Dänemark

Ein Männlein saß am Hafen

Clemens Bomsdorf
5. Juni 2012

Ein auf Hochglanz polierter Silberstein, drauf hockt verträumt ein strahlender Jüngling – seit Samstag steht diese Skulptur am Hafen im dänischen Helsingør, nur eine halbe Autostunde nördlich von Kopenhagen. Es ist die neuste Arbeit des skandinavischen Künstlerduos Elmgreen & Dragset. Ihr Han – Dänisch für „er“ – schlägt den Bogen zur Kleinen Meerjungfrau, dem Wahrzeichen Dänemarks schlechthin: Der Jüngling sieht ihr zum Verwechseln ähnlich. Helsingør möchte damit aus dem Schatten Kopenhagens treten. Und Elmgreen & Dragset setzen sich einmal mehr mit Identitätsfragen auseinander.

Han ist ihre erste dauerhaft aufgestellte Arbeit im öffentlichen Raum in Dänemark – der Heimat von Michael Elmgreen, wo die beiden, die lange auch privat ein Paar waren, sich in den Neunzigern kennenlernten. Nun sind sie zur Enthüllung ihrer Arbeit angereist, die auf einem Pier vor Helsingørs neuem Kulturhaus steht. Dabei ist das Duo eigentlich kein Fan von Dauerinstallationen. „Viele werden mit der Zeit inaktuell, weil sich der Stadtraum verändert oder die Ästhetik mit einer ganz bestimmten Zeit verknüpft war – vielleicht ergibt dann die Idee keinen Sinn mehr, die Architektur, die Wirklichkeit ist eine andere geworden“, sagt Michael Elmgreen. Als wäre er sich dieser Sache bewusst, blinzelt Han nun ab und an mit den Augen.

Die Kleine Meerjungfrau dagegen, 1913 in die Welt gesetzt von Edvard Eriksen, stellt die Figur aus dem gleichnamigen Märchen Hans Christian Andersens dar und ist bis heute eine der größten Touristenattraktionen Dänemarks. „Sie ist ein faszinierendes Monument, weil sie so träumerisch-melancholisch ist im Vergleich zu den meisten anderen nationalen Wahrzeichen wie dem Arc de Triomphe oder dem Brandenburger Tor. Es ist schön, dass Dänemark ein so kleines Wesen als Nationalsymbol und Touristenattraktion hat, wir wollen das Werk nicht angreifen“, sagt Ingar Dragset und fügt gleich hinzu, dass sie aber Probleme hätten mit der gesellschaftlichen Haltung, die sich in der Verehrung der Skulptur der Kleinen Meerjungfrau zeigt. Schon vor ein paar Jahren haben die beiden sich deshalb mit ihr auseinandergesetzt. Für When a Country Falls in Love with Itself haben sie der Meerjungfrau einen Spiegel vorgehalten und die Selbstverliebte dann fotografiert. „Die nationalen Gefühle und der Stolz, in einem Land zu leben, sind in nationale Selbstverherrlichung übergegangen – man meint, dass das auf der Karte doch recht kleine Land sei das beste der Welt und müsse vor allem, was von außen kommt, geschützt werden“, so Elmgreen.

Han hingegen soll also den Begriff, den Dänemark von sich hat, erweitern – auch in Richtung sexuelle Identität, ist er doch zugleich Gegenstück von Niki de Saint Phalles Hon (Schwedisch für „sie“) – jener Riesen-Nana, die 1966 im Stockholmer Moderna Museet aufgebaut und durch die Vagina betreten werden konnte. Doch Elmgreen sagt dazu nur: „Eine Skulptur kann nicht schwul sein, weil sie keine Sexualität hat“, alles andere lässt er offen. Da Han außerdem ganz in Silber gehalten ist, spiegelt er Betrachter und Umgebung und erinnert zugleich an metallisch schimmernde Superhelden aus Science-Fiction-Filmen. Und anders als die Meerjungfrau hat er keinen Fischschwanz, sondern Beine – und könnte den Prinzen darstellen, den die Frau aus dem Meer vergeblich liebte, wie es derzeit fröhlich eine Pressemeldung verbreitet.

Elmgreen & Dragsets Figur war in Helsingør dennoch nicht unumstritten gewesen. Einem Architekten, der für die Umwandlung des Industriehafens zur Kulturmeile zuständig war, war die Figur zu gewagt. In dem historischen Umfeld – im Hintergrund ist das Schloss Kronborg zu sehen, zentraler Ort von Shakespeares „Hamlet“ – sei eine klassischere Arbeit angebrachter, hieß es. Dennoch kamen zur Enthüllung der Arbeit hunderte von Besuchern. Rund 400.000 Euro hat die Arbeit gekostet, rund ein Viertel kommt von der Kommune, der Rest vom staatlichen Fonds für Kunst im öffentlichen Raum – weshalb Helsingør sich jetzt vor allem eine neue Touristenattraktion erhofft. Daran, dass Kopenhagens Kleine Meerjungfrau gleich zweimal enthauptet und mehrfach mit Farbe übergossen wurde, denkt man in Helsingør gerade lieber nicht.

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