Thomas W. Eller
29. Februar 2008
Für jeden Künstler muss es sehr ermutigend sein, zu sehen, mit wie viel Leidenschaft in Berlin um den Verbleib des Bildes „Berliner Straßenszene“ von Ernst Ludwig Kirchner gekämpft wurde, über dessen Restitution immer noch gestritten wird. Dabei hilft eingestandenermaßen alles nichts: Das Bild ist inzwischen Bestandteil der Neuen Galerie, einem New Yorker Museum des Medienunternehmers, Mäzenaten und Milliardenerben Ronald Lauder. Doch nicht nur in Berlin genießt der Künstler höchste Wertschätzung, auch in New York gewinnt sein Werk nun noch mehr Aufmerksamkeit. Ab Ende Juli 2008 wird man dort das seltene Vergnügen haben, im Museum of Modern Art die gesamte Werkgruppe der Kirchnerschen Straßenszenen in einer Ausstellung versammelt zu sehen. Dass Kunst so viele gesellschaftliche und persönliche Energien zu mobilisieren vermag, ist einer der positiven Effekte der Diskussion um die Restitution der „Berliner Straßenszene“.
Vor einer Woche nun veröffentlichte der Verein „Berlin braucht Bürger“ einen offenen Brief, der nach Abschluss des Untersuchungsausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus zur Restitution und auch nach der Einstellung des Strafverfahrens gegen den ehemaligen Kultursenator Thomas Flierl und seine Staatssekretärin Barbara Kisseler unbeirrt den Rücktritt der ehemaligen Staatssekretärin und jetzigen Chefin der Senatskanzlei fordert. Kisseler habe die Interessen des Landes Berlin verraten und Landesvermögen verschleudert. Fast zeitgleich mit diesem Vorstoß einer Reihe erstunterzeichnender konservativer Publizisten scheiterte der Antrag der FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag, das 10-jährige Jubiläum der Washingtoner Erklärung zum Anlass zu nehmen, eine Folgekonferenz in Deutschland auszurichten. Die Bundesrepublik Deutschland solle „eine Gastgeberrolle übernehmen und damit ihre besondere Verantwortung in dieser Frage dokumentieren“, so der Antrag. Tatsächlich aber darf man vermuten, dass das Vorhaben einer erneuten Konferenz, diesmal auf deutschem Boden, eher dem Ziel dienen sollte, die Regularien der Washingtoner Erklärung neu zu justieren. „Im Rahmen einer solchen Konferenz … sollte analysiert werden, welche Ziele der Washingtoner Erklärung bereits erreicht werden konnten und welche Anstrengungen noch unternommen werden müssen.“ Das klingt nach Zwischenbilanz. Die Diskussion einer Liste der noch zu erbringenden Anstrengungen eröffnete aber die Chance auf eine substanzielle oder zeitliche Begrenzung der Restitutionsansprüche, wie sie in der Washingtoner Erklärung jedenfalls nicht vorgesehen ist.
Warum diese Anstrengungen der unterschiedlichen Parteien? Mit der Unterzeichnung der Washingtoner Erklärung vom 3. Dezember 1998 hatte sich die Bundesrepublik eindeutig verpflichtet, verfolgungsbedingt abhanden gekommene Kunstwerke zu restituieren. Seit dieser Zeit gibt es eine Restitutionspraxis, die weitgehend im Stillen abgewickelt wird. Dass der Berliner Fall nun noch immer nicht zur Ruhe kommt, mag einerseits daran liegen, dass es sich bei der Straßenszene um eines der sogenannten Hauptwerke des Künstlers handelt. In Österreich, wo das Schloss Belvedere gleich fünf Gemälde von Gustav Klimt zurückgeben musste, scheint man sich jedoch längst mit dem Lauf der Zeiten abgefunden zu haben. Ein anderer Grund für das geräuschvolle Rumoren in Berlin liegt sicher in der Einzigartigkeit des konkreten Falles der Berliner Straßenszene und der seinerzeitigen Verkaufssituation des Gemäldes. Noch immer ist umstritten, ob nicht die schon vor 1933 ablesbare ökonomische Not der Sammler zum Verkauf des Kirchner-Bildes geführt hatte. Wäre es so, hätte man das Bild nicht restituieren müssen. Man kann also gespaltener Meinung darüber sein, ob in Berlin eine „faire und gerechte“ Lösung der Restitutionsansprüche gefunden wurde – was nicht nur mit dem Sachverhalt, sondern auch mit den Motiven der beteiligten Akteure zu tun haben mag.
Was sicher auch zur nachhaltigen Verärgerung vieler Beteiligter beigetragen hat, ist, dass sich inzwischen so etwas wie ein Restitutionsbusiness entwickelt hat. Viele Kunsthistoriker und Rechtsanwälte haben dieses Geschäftsfeld für sich entdeckt und spüren aktiv abhanden gekommene Kunstwerke auf, um zu gegebenem Zeitpunkt die Erben zu kontaktieren und gegen beträchtliche Kommissionszahlungen die Restitutionsverhandlungen für die Erben zu führen. Dabei kommt ihnen die Umkehr der Beweislast zugute, die man ursprünglich zur Unterstützung der Opfer in die Washingtoner Erklärung aufgenommen hatte: Nicht der Antragsteller muss nachweisen, dass ein Kunstwerk zu Recht ihm zuzusprechen sei. Sondern die mit Restitutionsansprüchen konfrontierte Institution muss das Gegenteil belegen. Diese Praxis erzeugt erhebliche Unsicherheit und Nervosität im internationalen Kunsthandel. Kritiker sehen vor allem die Museen in einer erpressbaren Situation, in der nicht nur die Geschichte, sondern auch die Furcht vor öffentlichem Lärm über Hartnäckigkeit oder Nachgiebigkeit in Streitfällen entscheidet.
All das vermag aber immer noch nicht zu erklären, warum man mehr als eineinhalb Jahre nach der Restitution den Kopf einer Politikerin fordert. Die Diskussion um Restitution nämlich findet immer mehr in moralisch und ideologisch vermintem Gelände statt. Fast muss man befürchten, dass die Kirchnerrestitution nun als Anlass für eine Reprise des Historikerstreits auf einem Nebenschauplatz Anlass geben könnte. Die Liste der Unterzeichner des Briefes der aus dem Hause der Villa Grisebach kommt – dort residiert der Verein „Berlin braucht Bürger“ postalisch – legt dies zumindest nahe. Unübersehbar sind mit Michael Stürmer, Michael Wolffsohn und Arnulf Baring profilierte Historikerpersönlichkeiten beteiligt, die in jeweils verschiedenen und differenzierten Positionen einem konservativen Geschichtsverständnis das Wort reden.
Dabei liegt in den Auseinandersetzungen um die Restituierung von Kunstwerken noch eine ganz andere Chance. Denn jeder Konflikt öffnet den Blick für die Sachverhalte hinter den ansonsten zu Positionen geronnenen moralisch-politischen Haltungen. Und so ist es eben nicht der richtige Weg, den Einzelfall zum Gegenstand politischer Feldschlachten in offenen Briefen zu machen und politische Allianzen zu bilden. Die richtige politische Entscheidung in Konsequenz der bisherigen Diskussionen zur Kirchner-Restitution ist es, jetzt endlich ernsthafte Provenienzforschung zu betreiben und die Vergangenheit aufzuarbeiten. Der Kulturstaatsminister Neumann und die Kulturstiftung der Länder haben soeben am Institut für Museumsforschung der Staatlichen Museen in Berlin einen Forschungsschwerpunkt eingerichtet, der mit 1,2 Millionen Euro jährlich auch so ausgestattet erscheint, dass ernsthafte Arbeit gemacht werden kann. In einem Land wie Deutschland, in dem der direkte tägliche Dialog mit jüdischen Bürgern noch immer eine Art Ausnahmefall ist, erscheint jeder Konflikt heilsam. Jeder einzelne Fall eines Restitutionskonflikts aktualisiert Geschichte und beugt dem Vergessen vor. Gerade für eine Generation, die zwanzig, dreißig Jahre nach dem Krieg geboren wurde, bedeutet die Konfrontation mit solchen Konflikten zweierlei: Verbindung zur Geschichte und die Chance auf einen zivilisierten Umgang miteinander in der Zukunft.