Ein kritischer Blick auf das Werk des Malers Luc Tuymans

Lügt Tuymans? Teil 1

Petra Henninger
20. Januar 2005
Im Herbst 2004 erschien anlässlich einer umfangreichen Retrospektive zum Werk des belgischen Malers Luc Tuymans im K21 in Düsseldorf in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine Rezension von Catrin Lorch, die das Werk des sonst so hoch gelobten Malers scharf angriff. Schon 2003 hatte die Ausstellung The Arena, die in den Städten Hannover, St. Gallen und München zu sehen war, in der in Hamburg erscheinenden Zeit einem Artikel von Hanno Rauterberg Anlass gegeben, der das Werk Tuymans’ hart verurteilte. Derartig kritische Stimmen sind selten und so könnte es interessant sein, vor dem Hintergrund der beiden Artikel einen Blick auf die verschiedenen Lesarten des Tuymans’schen Werkes zu werfen.

Unter der Überschrift Das Banale bleibt oft banal spricht Catrin Lorch in ihrer Rezension der Düsseldorfer Ausstellung den Arbeiten Tuymans’ ihre Bedeutsamkeit ab: „Es gibt Kunst, die mehr beachtet als betrachtet wird. Die Malerei von Luc Tuymans beispielsweise (...)“. Weiter führt sie aus, dass Luc Tuymans durch seine „indifferente Malweise“ scheinbar absichtsvoll kaschiere und dass er sich zwar einiges an Bedeutsamkeit zutraue, jedoch nie zu einer Aussage finde. Die Positionslosigkeit, die sie auf formaler Ebene feststellt, unterstützt ihrer Meinung nach die Schwammigkeit, die sie auch für die inhaltliche Ebene diagnostiziert. Lorch konstatiert, dass Tuymans „lieber auf andere zeigt, als selbst etwas von sich zu zeigen (...)“ und ist der Meinung, dass das Werk Tuymans banal ist und im Banalen stecken bleibt. Als besonders anstößig beschreibt sie seine Auseinandersetzungen mit historisch und politisch hochbrisanten Themen wie dem Holocaust, der belgischen Kolonialpolitik oder der Thematik sexueller Gewalt. Für erstgenanntes Thema hält sie fest: „Den Gehalt der Bilder muß der historische Erklärungszusammenhang soufflieren“, denn „im zeichenhaft groben Schwarzweißkontrast der Serie ‚Recherches’ ist nicht zu erkennen, was die Museumsvitrine in Auschwitz präsentiert, erst der Katalog macht aus den schwarzen Schlieren Stoffe aus Menschenhaar.“

Hanno Rauterberg betitelte seinen sehr kritischen Artikel 2003 in der Zeitmit den Worten Schwach gemalt, schwach gedacht. Warum der belgische Maler Luc Tuymans zum Künstlerstar hochgejubelt wird – obwohl er selbst meint, manche seiner Bilder seien lächerlich und völlig verblödet. Damit hatte er bereits ins selbe Horn gestoßen wie Catrin Lorch dann im vergangenen Herbst. Er fragte: „Muss das sein? Muss man sich mit Luc Tuymans wirklich befassen? Mit diesen blassen Bildern, schwach gemalt und schwächlich gedacht? Das Beste wäre wohl, man ginge einfach dran vorbei. Wenn man dennoch innehält und sich verwundert die Augen reibt, dann nicht wegen der Kunst, sondern wegen des Kunstbetriebs. Wegen der Galeristen, Kuratoren und Sammler, die Tuymans zum Künstlerstar hochgejubelt haben.“

Der 1958 geborene und seit vielen Jahren in Antwerpen lebende und arbeitende Künstler gehört seit seinen Auftritten auf der Biennale in Venedig 2001 (Belgischer Pavillon) und der Documenta11 - auch auf der DocumentaIX war er schon vertreten - zu den meistbeachteten Künstlern seines Faches. In den letzten Jahren wurden ihm zahlreiche Sonderausstellungen gewidmet. Auf der am 19. Dezember 2004 zu Ende gegangenen 26. Biennale von Sao Paulo war er prominent vertreten und wurde in diesem Zusammenhang von Kunstforum Internationalgar als „Malerstar“ gehandelt. Auch Jordan Kantor bezeichnete Tuymans in Artforum International unlängst als den einflussreichsten Maler seiner Generation. In seinem Artikel untersucht er The Tuymans Effectund widmet sich detailliert dem Einfluss Tuymans auf Maler der aktuellen europäischen Szene.

Einig sind sich die meisten Kritiker und Autoren, wenn es um das von Tuymans hauptsächlich und in unterschiedlichen Variationen behandelte Thema geht: Die Beschäftigung mit der Verfasstheit des kollektiven wie individuellen Gedächtnisses sowie die Auseinandersetzung mit der Problematik von Repräsentation. Gerardo Mosquera beschreibt dies in einem im Jahr 2000 in Parkett erschienen Artikel folgendermaßen: „Es geht in seinen Arbeiten um das Darstellen ohne Darstellung und das Nichtdarstellen durch Darstellung. Tuymans’ Werke sind alles andere als abstrakt: Sie beschreiben etwas sehr Konkretes oder erzählen sogar etwas, und immer steht dahinter eine Geschichte, die der Künstler auch ganz gern in Worte zu fassen pflegt. Der beschreibbare Inhalt der Bilder ist oft sehr klar und direkt. Dennoch ist stets auch die Absicht spürbar, etwas zu verbergen oder herunterzuspielen und die nicht gegenständlichen Möglichkeiten der Malerei auszuschöpfen, um so gewissermaßen wieder zu verbergen, was dargestellt ist.“ Tuymans’ Malerei gerät mit diesen Strategien zu einer Art Hypertext, unter dessen verschiedenen Schichtungen sich bereits bestehende Darstellungsformen und Ausdrucksmöglichkeiten verbergen, die der Betrachter zu entschlüsseln hat - wobei er sich der Hilfe des Malers sicher sein kann. Bereitwillig erteilt der Künstler z. B. in Interviews oder Fernsehportraits Auskünfte zu seinem Werk, wobei er sich jedoch eines allgemeinen Kommentars enthält und sich ganz auf die Beschreibung der Entstehung seiner Bilder konzentriert.

In seinen Gemälden sucht er das Verhältnis von Bild und Abbild auszuloten. Bereits im Produktionsprozess durchläuft das Bild verschiedene Stufen der Abstraktion und Distanzierung vom Ausgangsmaterial. Oft arbeitet Tuymans nach Polaroids, die er von digitalen Fotos erstellt hat. Auf diesem Weg bilden die Arbeiten zu dem, was sie abbilden, systematisch eine Differenz aus. Ulrich Bischoff formuliert dazu: „Zur Herkunft der Bildvorlagen läßt sich grundsätzlich sagen, daß Tuymans die Erfahrung gemacht hat, daß es keine originären Bildfindungen mehr gibt. (...) Tuymans Gemälde sind gewissermaßen Projektionen von Bildern, die sich nach medialen Vorlagen im Kopf des Künstlers gespeichert haben.“

Tuymans, der in seinem Schaffen immer wieder aus dem Arsenal der Kunstgeschichte schöpft, benennt als Vorbilder z. B. die Brüder van Eyck, James Ensor, Leon Spilliaert, Edward Hopper. Der Name Hopper kommt ins Spiel, wenn Tuymans konstatiert: „Edward Hopper ist dafür berühmt eine Tankstelle gemalt zu haben. Ich könnte dafür berühmt werden, daß ich eine Gaskammer gemalt habe“ - was Hanno Rauterberg zu Recht als „Kraftmeierei“ verurteilt. An solchen Stellen gerät Tuymans der Bezug zur Kunstgeschichte und Geschichte doch sehr salopp, wenn nicht gar geschmacklos.

Mit Leon Spilliaert, einem belgischen Künstler aus der Zeit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, verbindet ihn die Wahl von teils banal erscheinenden Motiven - Pflanzen in kleinen Eckregalen oder bunte Kartons vor einem Spiegel -, aber vor allen Dingen die Art der Behandlung von Farbe in der Fläche. Spilliaert, der wegen eines Leidens oft nächtelang das menschenleere Ostende durchwanderte, setzte diese Leere in Bildern mit hohem Horizont um. Riesige Flächen von Grau, Blaugrau oder Schwarz sind darauf gegeneinander gesetzt sind oder gehen ineinander über. Die in Wasserfarben, Pastell, Farbstift und Chinesischer Tinte ausgeführten Blätter beeindrucken vor allem in ihrer Düsternis; das neblige, fast erloschene Licht, das die Bilder durchzieht, scheint vom Meer her zu kommen. Beachtlich an diesen Blättern ist der Grad an Abstraktion, der für die Zeit ihrer Entstehung sehr ungewöhnlich ist. Etwas scheint auch in diesen Bildern nicht zu stimmen. Sie zeugen von einer Entfremdung von der Welt.

Weitere Bezüge im Werk Tuymans’ gibt es zu Munch und Jasper Johns. Catrin Lorch bewertet sie in ihrem Text als angestrengtes Abarbeiten an der eigenen Gattung. So sieht sie beispielsweise den Schrei Munchs und den darin symbolhaft ausgedrückten Schmerz durch Tuymans’ Schrei, der die verzweifelte Figur in einer „Modellbau-Landschaft“ situiert, diskreditiert. Erkennbar sind darüber hinaus Verbindungen zur Minimal Art, deren theoretisches Konzept Tuymans auf die Malerei zu übertragen sucht. Hierzu formuliert Heinz-Norbert Jocks sehr treffend: „Klar, dass er sich mit Minimal Art befasst und darüber nachgedacht hat, welche Konsequenzen sich daraus für die Malerei ergeben, die bei ihm zwar asketische, aber keine unsinnlichen Züge annimmt.“

Als programmatisch für das Werk Tuymans’ gilt einigen Kritikern die Arbeit The Arena, die der Retrospektive 2003 in München, St. Gallen und Hannover den Titel gab und auf das Jahr 1978 zurückgeht. Vor einen in Öl gemalten Hintergrund, der wie ein Bühnenbild wirkt, ist eine halb-transparente Folie gespannt. Darunter verbirgt sich ein Karton, der mit einer Collage aus Fotos und Zeitungsausschnitten versehen ist. Da die unterschiedlichen Versatzstücke auf kleine Holzstücke aufgeklebt sind, nehmen sie in dem flachen Raum hinter der Folie unterschiedliche Positionen ein, das heißt, sie sind entweder vorne an der Folie situiert und für den Betrachter gut zu sehen oder sie verschwimmen ein wenig im Hintergrund. Unterschiedliche Bestandteile zuvor zerschnittener Bilder werden in dieser collageartigen Arbeit in einer räumlich angelegten Situation neu zusammengefügt. Der Rückgriff auf fotografisches Material fällt sofort ins Auge. Durch das in der Anordnung inszenierte Nah und Fern scheinen filmische Verfahren ins Spiel zu kommen, wie Nahaufnahmen, die im Hintergrund Verschwommenheit produzieren oder die Totale, die dem Bild etwas von einem Panorama verleiht. Vorne am linken unteren Rand der Arbeit ist als Schatten der Betrachter zu sehen.

Sind Luc Tuymans’ Bilder filmisch? Sind sie politisch? Welche Funktion übernehmen Licht und Sprache in seinem Werk? Diese Fragestellungen und ihre Reflexion in der Kunstkritik wird Petra Henninger im zweiten Teil ihres Tuyman-Features beleuchten.

Noch bis zum 26. Februar 2005 zeigt die Galerie carlier | gebauer, Berlin die Ausstellung Luc Tuymans: Les Cinq Anneaux.

www.carliergebauer.com

Fußnoten:
1 Catrin Lorch: Das Banale bleibt of banal. Zuviel Bedeutsamkeit: Luc Tuymans im Düsseldorfer K21, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27.11.2004.

2 Hanno Rauterberg: Schwach gemalt, schwach gedacht, in: Die Zeit 18/2003.

3 Jordan Kantor: The Tuymans Effect, in: Artforum International, November 2004, S. 164ff.

4 Gerardo Mosquera: Die Grenzräume der Malerei, in Parkett No. 60, 2000, S. 139.

5 Ulrich Bischoff: Ungefähre Vergegenwärtigungen, in: Katalog zur Ausstellung 4 x 1, Staatliche Kunstsammlung Dresden, Gemäldegalerie Neue Meister, Dresden 1996, S. 55.

6 Heinz-Norbert Jocks: Luc Tuymans. Das Gedächtnis der Malerei, in: Kunstforum International, Bd. 173 November-Dezember 2004, S. 327.Literaturauswahl

Ulrich Bischoff: Ungefähre Vergegenwärtigungen, in: Katalog zur Ausstellung 4 x 1. Hoover, Lassnig, Rheinsberg, Tuymans. Staatliche Kunstsammlung Dresden, Gemäldegalerie Neue Meister, Dresden 1996, S. 52 - 63.

Heinz-Norbert Jocks: Luc Tuymans. Das Gedächtnis der Malerei, in: Kunstforum International 173, November-Dezember 2004 S. 327-329.

Jordan Kantor: The Tuymans Effect, in: Artforum International November 2004, S. 164-171.

Catrin Lorch: Das Banale bleibt oft banal. Zuviel Bedeutsamkeit: Luc Tuymans im Düsseldorfer K21, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27.11.2004.

Gerardo Mosquera: Die Grenzräume der Malerei, in Parkett No. 60, 2000, S. 139 – XXX.

Hanno Rauterberg: Schwach gemalt, schwach gedacht. Warum der belgische Maler Luc Tuymans zum Künstlerstar hochgejubelt wird – obwohl er selbst meint, manche seiner Bilder seien lächerlich und völlig verblödet, in: Die Zeit 18/2003.

Hans Rudolf Reust: Im dunklen Weltteil. Zu Luc Tuymans’ neusten Bildern, in: Parkett No. 60, 2000, S. 144 –149.

Luc Tuymans: Mwana Kitoko (Beautiful White Man), texts by Robert Storr, Philippe Pirotte, Ausstellungskatalog Belgischer Pavillion, Biennale di Venezia, Venedig 2001.

Luc Tuymans: The Arena, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Kunstverein Hannover, Pinakothek der Moderne München, Kunstverein St. Gallen, Stuttgart 2003.


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