Ein Gespräch mit der documenta-Künstlerin Hito Steyerl

Theorie aus Notwehr

Christoph Bannat
14. Juni 2007
Die Filmemacherin, Videokünstlerin und Autorin Hito Steyerl widmet sich schwerpunktmäßig den Themen kulturelle Globalisierung und Dokumentarismus. Ihre Werke sind regelmäßig auf Filmfestivals vertreten, finden mit ihrer essayistischen Form jedoch auch in der Kunstwelt immer stärkeren Anklang. Die documenta 12 zeigt drei ihrer Video-Installationen, zwei davon sind zeitbasierte Arbeiten, die also einen Anfang und ein Ende haben, darunter eine Doppelprojektion.

Ein monochromes Triptychon nimmt eine Arbeit von Alexander Rodtschenko aus dem Jahre 1921 auf, gleichsam als Videoversion. Die Arbeit heißt Red Alert, ein dreifach rotes Monochrom auf hochformatigen Computermonitoren, das aussieht wie ein Videogemälde. Eine andere Arbeit thematisiert das Bondage-Ritual als symbolische Handlung von Herrschaft und Unterwerfung, Titel: Lovely Andrea. In Journal No.1 – an artist impression dagegen ist die unmögliche Rekonstruktion einer Wochenschau, die im Bosnienkrieg 1993 zerstört wurde, zu sehen.

Wer es nicht zur documenta 12 schafft, kann Arbeiten von Hito Steyerl dieses Jahr noch auf der Viennale in Wien, der Diagonale in Graz, auf der FID in Marseille, auf der Cinema du réel Paris in Paris oder der Duisburger Filmwoche erleben. Christoph Bannat sprach für artnet mit der in Berlin lebenden Künstlerin.

artnet Magazin: Im documenta-Blog sorgte ihr Bondage-Film bereits für diffamierende Äußerungen. Da ist etwa von einer Bondage-documenta die Rede. Wie sind sie auf Bondage, also rituelle Fesselungstechniken, gekommen?

Hito Steyerl: Ich habe das in Japan als Studenten-Job gemacht. Allerdings nur sehr kurz. Das war sehr absurd. Die Arbeit bestand darin, Bondage-Modell zu sein. Ich bewegte mich damals in einem Umfeld linker Dokumentarfilmer und wollte einen investigativen Film über die Pornoindustrie machen. Aber dafür hatte ich damals weder die Kapazitäten noch die Fähigkeiten und so habe ich den Plan fallen lassen. Ich habe es dann komplett vergessen und kam erst wieder darauf zurück, als ich Bilder aus Guantánamo und Abu Ghraib gesehen und über die damit einhergehende Pornografisierung der Politik nachgedacht habe.

artnet Magazin: Geht es Ihnen darum, wie Politik mit Bildern gemacht wird?

Hito Steyerl: Ja, aber vor allem um Bondage als Denkbild.

artnet Magazin: Moderne Folter ist darauf angelegt, möglichst keine Spuren zu hinterlassen. Ist das die Parallele zu Bondage?

Hito Steyerl: Nicht unbedingt. Bondage heißt übersetzt ganz allgemein Knechtschaft und Unterwerfung. Wie sehen in der Gegenwart Formen der Unterdrückung oder Verstrickung aus – und was gibt es für Möglichkeiten, um diese zu verändern? Insgesamt denke ich, es wäre besser, konkret über die Arbeit zu reden als abstrakt über das Thema zu diskutieren.

artnet Magazin: Bondage-Praktiken setzen doch ein Verhältnis von Freiwilligkeit und Vertrauen voraus. Gilt es, dies darzustellen?

Hito Steyerl: Mich interessiert, wie sich das Verhältnis von Freiwilligkeit zu Abhängigkeit vermittelt.

artnet Magazin: Gibt es das in der Politik? Öffnete man die Gefängnistore, wären die Gefangenen doch sofort weg. Ich sehe da nur Zwang.

Hito Steyerl: Stimmt genau. Das ist der Pol totaler Abhängigkeit. Wie Sie gerade gesagt haben, gibt es aber auch viele freiwillige Bondage-Praktiken. Es geht genau um diese Pole: Freiheit und Zwang, Abhängigkeit und Unabhängigkeit.

artnet Magazin: Geht es Ihnen dabei auch um kulturelle Unterschied in der Codierung von Handlungen?

Hito Steyerl: Grundsätzlich glaube ich, dass kulturelle Unterschiede völlig überbewertet werden, gerade wenn es um große Medienindustrien geht. Der Markt ist eine mächtige Universalie. In Japan gibt es aber z.B. die Besonderheit, dass die Unterhaltungsindustrie sehr verzahnt ist mit der Pornoindustrie. Viele Independentfilmer kommen daher.

artnet Magazin: Wird in Japan weniger über diese Industrie geredet als in Deutschland? Hat Bondage dort eine größere Akzeptanz?

Hito Steyerl: Nein, im Gegenteil.
 
artnet Magazin: Sie haben in Japan studiert?
 
Hito Steyerl: Ja, in Tokio habe ich an einer Filmhochschule unter der Leitung von Shohei Imamura Kamera studiert. Dann bin ich nach München an die Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) gegangen, um dort Dokumentarfilmregie zu studieren. Helmut Draxler hat zu dieser Zeit noch den Münchner Kunstverein geleitet und das hat Gegenwartskunst für mich interessant gemacht.

artnet Magazin: Können Sie kurz etwas zu ihrer Biografie etwas sagen?

Hito Steyerl: Ich bin eigentlich Filmemacherin von Beruf. Ich habe das von der Pike auf gelernt. Mein erster Beruf war Stuntfrau, dann Licht- und Kameraassistentin und so weiter. Schließlich bin ich Dokumentarfilmerin geworden und von dort ins Kunstfeld geraten.

artnet Magazin: Können sie diesen Übergang in die Kunstwelt beschreiben?

Hito Steyerl: Ich habe sehr stark essayistisch gearbeitet. Damals gab es aber im Filmbereich keinen Ort mehr dafür. Zur gleichen Zeit fanden meine Arbeiten im Kunstfeld Anklang und so bin ich praktisch umgezogen.

artnet Magazin: Können sie ihre Arbeitsfelder beschreiben?

Hito Steyerl: Ich mache Filme, beziehungsweise Installationen, und schreibe auch. Im Dezember erscheint mein Buch, in dem es um Kunst und Dokumentarismus geht.

artnet Magazin: Was war zuerst da – das Schreiben oder die Kunst?

Hito Steyerl: Ich komme wirklich von der Praxis, es wurde nur deshalb immer theoretischer, weil es sich aus der Notwendigkeit des Berufs heraus ergeben hat. Ganz konkret stand ich vor der Situation, dass Leute aus dem Kunstfeld die Arbeiten beurteilt haben und dies mit einem Vokabular, das ich überhaupt nicht verstand. Da war Theorie so etwas wie Notwehr und sie hat mir dann, wider Erwarten, sehr viel Spaß gemacht.

artnet Magazin: Wie bereiten Sie sich auf Ihre Filme vor?

Hito Steyerl: Ich recherchiere sehr viel im Vorfeld und ziehe dann los. Meist stelle ich dabei fest, dass vor Ort alles ganz anders ist und aus diesem Gegensatz entsteht dann die Arbeit.

artnet Magazin: Gibt es bei Ihnen Themenschwerpunkte?

Hito Steyerl: Im weitesten Sinne sind alle meine Themen politisch. Aber die Beschäftigung damit verläuft selten direkt. Es geht immer um die Wechselwirkung von Bildern und Politik.

artnet Magazin: Wenn Sie von Bildern sprechen, meinen Sie Standbilder?

Hito Steyerl: Nein. In November ging es vor drei Jahren unter anderem um ein PKK-Plakat, in einer der nun auf der documenta gezeigten Arbeiten namens Journal No. 1 um eine im Bosnienkrieg zerstörte Wochenschau von 1947.

artnet Magazin: War für Sie vorauszusehen, dass Ihre politisch angelegten Arbeiten mit einem Kunstbetriebserfolg wie der documenta-Einladung honoriert werden würden?

Hito Steyerl: Die Einladung kam vor einem Jahr ganz unverhofft. Das war natürlich schön, aber auch sehr knapp, da ich für meine filmischen Arbeiten sehr viel Vorlauf brauche.

artnet Magazin: Gibt es etwas, das Sie mit ihren Arbeiten erreichen möchten?

Hito Steyerl: Ziel und Zweck sehe ich nicht. Kunst ist kein Mittel zu einem Zweck. Vielleicht ist sie ein Mittel ohne Zweck. Für mich ist eine Arbeit dann gelungen, wenn sie ihrem Gegenstand Respekt entgegenbringt und diesen angemessen behandelt. Ob und wie diese Arbeit auf andere wirkt, das kann ich nicht kontrollieren und auf diese Wirkung sind die Arbeiten nicht angelegt.

Mehr im Dossier  documenta 12

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