23. Juli 2010
Kunstskandale sind im Vergleich zu Abhör-, Bestechungs- oder Justizskandalen so selten, dass man den Kunstbetrieb für eine hoch moralische Angelegenheit halten könnte. Vor allem hat der typische Kunstskandal einen Außenseiter als Täter. Ein halbseidener Handwerker täuscht die gesamte Expertenwelt, indem er Fälschungen berühmter Meister malt und in Umlauf bringt. Der Laie sieht darin eine Komödie über Wert und Meisterschaft in der Kunst. Deshalb kommen in solchen Skandalen nur Fälscher und genasführte Kunstliebhaber vor. Die Helfershelfer, die Gutachter, die Museen geraten dabei kaum in den Fokus der Öffentlichkeit. Insofern ist die Ambition begreiflich, mit der ein deutscher Brancheninformationsdienst gerade einen Fälschungsskandal der anderen Art zu inszenieren sucht. Gerade die Auktionshäuser will Karlheinz Schmid, Herausgeber und Chefredakteur des hektografierten und geklammerten „Informationsdienst Kunst“, an den Pranger stellen. Damit meint er deren Haftungspraxis. Es sei über die „Usancen der Branche nachzudenken“. Die Auktionshäuser „verhinderten“ die Rückabwicklung, unterstellt der Kommentar.
Glaubt man dem in der Branche umstrittenen Branchenbrief, dessen Inhalt im Impressum als „vertraulich“ bezeichnet wird, käme in diesen Tagen einer der „wohl größten Kunstfälscherskandale ins Rollen“. Das Landeskriminalamt Berlin, LKA 454, Abteilung Kunst/Hehlerei, habe Ermittlungen über gefälschte Kunstwerke aus der Sammlung des 1992 verstorbenen Kölner Sammlers Werner Jaegers aufgenommen. Mittlerweile hätten die Werke über den Handel ihren Weg in private und öffentliche Sammlungen gefunden. Es gehe unter anderem um Gemälde von Heinrich Campendonk, Max Ernst und Hermann Max Pechstein. „Es wäre kein Wunder“, orakelt das Schmid-Blättchen (mit dem sich im Kunstbetrieb niemand sehen lassen will, das aber fast alle lesen), wenn das Berliner LKA „in den kommenden Stunden mancherorts in anderen Bundesländern um Amtshilfe bitten und überraschende Hausbesuche veranlassen würde.“ Die barocke Formulierung weckt die Assoziation weitläufiger Razzien in der ganzen Republik. In Wahrheit sind die Behörden noch längst nicht so weit, wie der Informationsdienst suggeriert. Weder beim LKA Berlin noch bei der Staatsanwaltschaft Köln wurden bisher überhaupt Ermittlungen aufgenommen. Die Berliner Ermittler haben die Sache den Rheinländern übergeben, die erst noch prüfen, ob sie der Angelegenheit weiter nachgehen, wie die Staatsanwaltschaft Köln dem artnet Magazin auf Nachfrage mitteilte. Unbestritten ist nur, dass es um mögliche Kunstfälschungen geht.
Um den Skandal zum Skandal zu machen, werden im „Informationsdienst“ Ingeborg Henze-Ketterer und Wolfgang Henze zitiert, die neben einer renommierten Galerie das Ernst Ludwig Kirchner-Archiv führen. Gleichzeitig gilt Henze als „einer der weltweit renommiertesten Expressionismus-Experten“. Nebenbei, das erwähnt Schmid nicht, ist er einer der einflussreichen Persönlichkeiten bei der Art Karlsruhe, mit der Schmids Regensburger Redaktions- und Vertriebsbüro geschäftlich verbunden ist. Henze nun zeigt sich beeindruckt von der Qualität der Fälschungen, die wohl durch Familienmitglieder Jaegers‘ in den Handel gelangt sind. Wie es der Zufall so will, ist er selbst einer solchen Arbeit aufgesessen, die das neue Werkverzeichnis von Aya Soika jetzt als Fälschung identifiziert, nachdem sie der als untadelig geltende und inzwischen verstorbene Sohn des Künstlers noch ohne Bedenken authentifiziert hatte. Gekauft hatte Henze das Werk im Kölner Kunsthaus Lempertz vor sechseinhalb Jahren. Aus diesem Umstand will Schmid den Skandal ableiten, sozusagen einen strukturellen Skandal im Kunsthandel. Denn während der Galerie-Handel sich nicht so ohne Weiteres aus der Verantwortung stehlen könne, wenn es um Fälschungen geht, bestünde für Auktionshäuser die Möglichkeit, sich quasi über die Hintertür des Kleingedruckten auf eine lediglich dreijährige Pflicht zur Rückabwicklung einlassen zu müssen.
Was allerdings daran skandalös sein soll, dass ein Auktionshaus sich auf eine gesetzliche Regelung bei der Gewährleistung beruft, dürfte ebenso Schmids Geheimnis bleiben, wie die Antwort auf die Frage, auf welchem Weg ein Auktionshaus Fälschungen entlarven soll, denen selbst ein offenbar qualifizierterer Experte aufsitzt. Da es bei den behördlichen Ermittlungen um Kunstfälschungen geht, hat das Auktionshaus mit der Angelegenheit direkt ohnehin nichts zu tun. Sollten sich die Werke schon vor dem Tod Jaegers‘ in dessen Sammlung befunden haben, hat sich der Fall ohnehin erledigt. Denn selbst schwerer Betrug verjährt nach zehn Jahren. Der Auktionator Henrik Hanstein zeigte sich übrigens überrascht von der Publikation des Falles. Weder Schmid noch Henze selbst hätten mit ihm darüber gesprochen. Auf gütlichem Wege hätte man sich gern um eine Lösung des Problems bemüht, so der Auktionator. Über den Umweg der (Halb-)Öffentlichkeit lasse man sich aber nicht unter Druck setzen.
Bei näherer Betrachtung liegt der denkbare Skandal auf einem ganz anderen Gebiet, nicht dort, wo Schmid und sein Geschäftspartner Henze ihn sehen wollen, sondern auf der Seite der Experten. In Umlauf gebracht wurden die Arbeiten wohl von zwei Damen aus der Verwandtschaft des verstorbenen Sammlers. Mindestens seit 1995 wurden Gemälde aus der ominösen Kölner Sammlung Jaegers bei mindestens drei Auktionshäusern in Europa eingeliefert. Stutzig wurde erst die Erstellerin des Pechstein-Werkverzeichnisses, als sie bei mehreren Werken auf Ungereimtheiten stieß. Allen bisher bekannten Werken aus der Sammlung Jaegers ist laut Henze nämlich gemein, dass sie auf der Rückseite Aufkleber tragen, die geschickt verschiedene Galerieprovenienzen suggerieren sollen. Weil es übliche Praxis war, Galerieware durch künstlerisch gestaltete Etiketten zu authentifizieren, hat der oder haben die Fälscher auf Variationen kunsthistorisch nachgewiesener Kleingrafiken diverser Galeriekünstler zurückgegriffen.
Dabei sind die durch ihre Abweichungen auffallenden Etiketten tatsächlich die einzigen Schwachpunkte. Hier war echte Fachexpertise am Werk, und falls sich die Sammlung tatsächlich als unerschöpflicher Quell meisterhafter Fälschungen entpuppen sollte, stellt das nicht allein die Käufer vor Probleme. Auch die Auktionshäuser hätten ein Glaubwürdigkeitsproblem. Viel schlimmer noch: Was wäre ein Gutachten eines Experten, so anerkannt er auch sein mag, noch wert? Und schließlich die Museen: Wie genau wollen sie die Provenienz ihrer Bestände nachprüfen? Gab es im konkreten Fall überhaupt einen Anreiz, sich die Rückseiten der Bilder genauer anzuschauen? Schließlich will niemand die Schmuckstücke seiner Sammlung verlieren und überdies einen großen finanziellen Schaden riskieren. Denn die Sachlage macht es unwahrscheinlich, dass es je zu einer finanziellen Entschädigung kommen wird. Wenn es aber bei der Aufdeckung eines möglichen Skandales in kaum abzuschätzenden Dimensionen nur Verlierer gibt, muss man sich deutlicher als bisher fragen, welche Anreize auch in den großen Institutionen für die detektivische Aufklärung von Ungereimtheiten geschaffen werden.