29. Juni 2010
Sarah Bernhardt und Eleonora Duse – wer kennt sie nicht, die berühmtesten Schauspielerinnen vor der Erfindung des Kinos. Der Name Sada Yacco hingegen dürfte bestenfalls noch einer Handvoll Theaterwissenschaftlern geläufig sein. Dabei wurde die japanische Schauspielerin zu Zeiten der Belle Epoque durchaus in einem Atemzug mit ihren heute noch bekannten Kolleginnen genannt. Sie trat sogar zusammen mit Isadora Duncan auf. Mit einer Theatertruppe zog sie durch alle Länder der westlichen Welt und führte in den Hauptstädten dramatische Geschichten im Stil des Kabuki auf, der japanischen Form der Bühnenerzählung mit ihrer Mischung aus Gesang, Pantomime und Tanz.
Das machte Eindruck in einer Gesellschaft, die sich in ihrer bürgerlichen Aufgeklärtheit, Technisierung und Fortschrittsgläubigkeit doch nach Drama, Exotik und großen Gefühlen sehnte. Und die lieferte Sada Yacco offensichtlich sehr überzeugend. Als Paradestück gilt ihre Darbietung der sterbenden Kesa, die sich selbst opfert, um die Ehre ihres Mannes zu retten. Auch wenn die etablierte Theaterkritik populäre Vergleiche mit den Heroinnen der abendländischen Schauspielkunst für zu hoch gegriffen hielt, konnte doch selbst Alfred Kerr eine gewisse Bewunderung nicht verhehlen: „... diese Mienen zeigen mehr Fertigkeiten als seelische Tiefe. Mehr Körperliches als Durchgeistigtes. Und doch nimmt man sie ernst, wenn man die Sada Yacco betrachtet. Sie macht einen Herzkrampf, schnaubend, eine Furie; unkenntlich vertauscht sie ihre Holdheit; das Gesicht bläht sich; sie schielt; sie wird bleich; sie wird blau; sie verreckt [...] wie ein Tier.“
Ein solches Schauspiel, das sogar auf der Weltausstellung in Paris im Jahr 1900 gegeben wurde, versuchte Pierre Emile Cornillier in einem kleinen Triptychon festzuhalten, das jetzt bei Neumeister in München zu einem sehr attraktiven Schätzpreis angeboten wird. Die ganze Faszination des Abendlandes für eine fremdartige Szenerie, die hier bei aller verfeinerten Exotik doch als relativ naturnah (und erotisch aufgeladen) empfunden wurde, spricht aus diesen eher skizzenhaft angelegten Vignetten. Sie schildern drei exemplarische Begebenheiten der dramatischen Geschichte: „Kesa ist glücklich“ – auf einer grünen Wiese mit Musikanten, „Kesa tanzt vor den Briganten“ – gezwungenermaßen, in rotem Kimono vor erdbraunem Hintergrund, und zuletzt „Kesa stirbt“ – bei bläulichem Nachtlicht in gleichfarbigem Gewand.
Als Malerei ist der Dreiteiler tatsächlich eher als Souvenir anzusehen, wie die Beschriftung auf der Rückseite vermerkt. Vom Künstler selbst oder unbekannter Hand findet sich dort eine Widmung an Louis Èmile Muller, bei dem es sich möglicherweise um den Besitzer einer Keramikmanufaktur handelt, die regelmäßig an Weltausstellungen teilnahm. Über Cornillier selbst ist kaum etwas bekannt. Er wurde 1862 in Nantes geboren und betätigte sich als Maler und Schriftsteller. Er stellte mehrmals im Pariser Salon aus und verfasste parapsychologische Schriften. Gestorben ist er irgendwann zwischen 1929 und 1946. War er zumindest in den einschlägig interessierten Kreisen und vielleicht noch ein wenig darüber hinaus bekannt – immerhin rezensierte die „New York Times“ 1922 eines seiner Bücher – verblich sein Ruhm noch schneller als der von Sada Yacco. Das Triptychon ist also rares kulturhistorisches Zeugnis und auch Symbol für die schnelle Vergänglichkeit irdischen Ruhms. Immerhin, ein fernes Echo hallt in einem der berühmtesten Singspiele des frühen 20. Jahrhunderts nach: Sada Yaccos Darstellung der Kesa soll Giacomo Puccini bei der Gestaltung seiner „Madama Butterfly“ inspiriert haben.