Edvard Munch in der Schirn Kunsthalle Frankfurt

Ein neuer Munch

Clemens Bomsdorf
15. Februar 2012

Edvard Munch: „Der moderne Blick“ – Schirn Kunsthalle Frankfurt. Vom 9. Februar bis 13. Mai 2012

Ja, er hat gemalt und er hat unglaublich gemalt. Doch irgendwie scheinen Edvard Munchs Bilder, die zurzeit in der Schirn Kunsthalle Frankfurt zu sehen sind, zwar bestens zu einem 1863 geborenen, aber nicht zu einem 1944 gestorbenen Künstler zu passen. Darauf, dass der norwegische Maler im selben Jahr wie Piet Mondrian oder Wassily Kandinsky von dieser Welt geschieden sei, wies Kuratorin Angela Lampe am Eröffnungsabend denn auch gleich mehrfach hin. Im Vergleich zu den beiden Malerkollegen allerdings wirkt Munchs Werk nahezu unbegreiflich dem 19. Jahrhundert verhaftet, was an der Grandiosität des Großteils seiner Werke freilich nichts ändert. Er hat gemalt und er hat unglaublich gemalt, aber er hat eben auch nur gegenständlich gemalt, während andere bereits die Richtung fürs 20. Jahrhundert vorgaben.

Edvard Munch ist von vielen Künstlern des 20. Jahrhunderts, seien es nun Andy Warhol oder Jasper Johns, neuinterpretiert worden, aber hat er auch im 20. Jahrhundert gelebt? Das will manchem Kunstliebhaber bis heute nicht in den Kopf. Denn seine Bilder scheinen stets von einer Welt fernab der Moderne zu stammen. Was das Werkzeug und die Medien angeht allemal: Weder bediente er sich zeitlebens technisch den neusten Möglichkeiten, noch bildete er sie ab. Die Erfindungen seiner Zeit, das Automobil, das Flugzeug, die Fotografie, der Film, sucht man in dem Werk des großen Malers vergebens. Munch ist gegenständlich, er bevorzugt es, die Menschen seiner norwegischen Heimat abzubilden und daraus Lebensdramen und melancholische Bildräume zu entwickeln. Und wo geht er mit der Zeit und wird geometrisch? Zeigt Quadrate oder Kreise statt Menschen und Bäume? Nirgends. Jedenfalls muss derjenige, der schon einmal das Munch-Museum in Oslo oder die einschlägigen Soloausstellungen mit dem Künstler in Europa besucht oder dessen Werke in den Sammlungen der großen und kleinen Häuser erlebt hat, dies annehmen. Dass aber in der öffentlichen Darstellung Munchs Werk im Nachhinein etwas fehlt, wird erst mit der aktuellen Schau der Schirn, die in Kollaboration mit dem Centre Pompidou und der Tate Modern zustande gekommen ist, klar.

Auch die Frankfurter Ausstellung macht zunächst deutlich, dass Munch einem Zeitalter verhaftet blieb, das seinem Ende bereits entgegen ging, als er das Licht der Welt erblickte. Doch sie ergänzt den Blick auf sein Werk. Diesmal soll auch der andere Munch gezeigt werden. Jener Künstler nämlich, der zum Beispiel gänzlich unbefangen mit Fotoapparat und Filmkamera spielte. Ganz so, als habe er wie heutzutage jedwede Freiheit, ungeliebte Motive und Szenen sofort zu löschen und neu aufzunehmen ohne an das teure Material zu denken. In der Frankfurter Schirn sind diverse Fotos des Malers zu sehen – sehr häufig Selbstporträts, oft aus der Hand geschossen. Heute kommt uns das vor, als habe Munch ein Smartphone benutzt, so modern wirken die Abbildungen des eigenen Ich. Und dann die Überraschung: In einem der hinteren Räume hängen plötzlich scheinbar abstrakte Gemälde. Sie allerdings gehen auf ein spätes Leiden des Künstlers zurück. Munch war am Auge erkrankt und hatte gemalt, was sich auf seiner Retina abzeichnete – einfache Formen wie Kreise, Schleier, Schlieren. Solche Bilder erwecken erst recht den Eindruck, als habe Munch sich eben nicht nur den Empfindungen seiner Seele hingegeben, sondern zuletzt eben auch zaghaft denen seines Sehorgans. Eine überwältigende Erkenntnis. Wenn man denn jemals davon erfährt: Die Ausstellung trägt den Titel „Munch – Der moderne Blick“ und will den Künstler damit ganz klar in den Zusammenhang mit der Moderne bringen. Aber warum diese Überladung, diese Akademisierung? Was hier gezeigt wird ist für fast alle Besucher zu einem großen Teil vollkommen ungewohnt. „Munch – Der neue Blick“ wäre ein angemessenerer Titel gewesen.

All denjenigen, die bisher nicht die Chance hatten, das Osloer Munch-Archiv mit seinen 25.000 Gegenständen zu durchforsten, und das sind wohl die meisten, bietet die Ausstellung vollkommen jungfräuliche Einsichten in Munchs Gesamtwerk. Und auch im Munch-Museum dürfte noch einiges an Material schlummern, das es ermöglichen könnte, noch tiefer in das Schaffen des Künstlers einzutauchen. Denn bekannt ist, wie gesagt, nur ein Bruchteil seines Werkes. Leider aber sieht es derzeit nicht danach aus, als würde in absehbarer Zeit der langersehnte Neubau des Museums in Oslo realisiert, der Raum auch für die bisher weniger in der Öffentlichkeit stehenden Aspekte schaffen würde. Dabei standen die Zeichen so gut: Der Bau des Museum sollte bald beginnen, ein Platz neben der Oper am Fjord war gefunden, mit Herreros aus Spanien stand auch das Architekturbürolängst fest. Doch Ende 2011 ist die rechtsliberale bis rechtspopulistische Fortschrittspartei umgeschwenkt und hat die Neubaupläne plötzlich auf Eis gelegt – aus wahltaktischen Gründen, wie vermutet wird.

Bleibt zu hoffen, dass die sozialdemokratische Opposition sich nun mit der konservativ-liberalen Minderheitsregierung einigt und dem größten Sohn der Stadt zu Ehren und Besuchern wie Kunsthistorikern zum Wohle ein neues Museum baut. Zu wünschen wäre es uns allen, denn dieser Maler hätte so unglaublich viel mehr zu bieten als das, was die Kunstwelt bisher über ihn weiß.


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