9. September 2010
Für einen Moment herrschte Utopie. Alles war möglich in Köln, wo die Kulturpolitik zuletzt manches unmachbar machte. Eine große Museumsinstitution wurde zum Gastgeber der privaten Galeriewirtschaft. Die Galerien schafften 800 Besucher in das ehrwürdige Haus. Museumsdirektorin und Galerievertreter beglückwünschen sich gegenseitig und alles, was in der Kölner Kunstszene Rang und Namen hat, feiert im Lichthof des Museums ein rauschendes Fest. Alle sind dort. Alle, bis auf die Kölner Politik.
Irgendwie hatten sich die Düsseldorfer und Kölner Galeristen da auch die richtige Adresse gesucht. Das Museum für Angewandte Kunst steht unter neuer Leitung und sucht Synergien. Die Direktorin Petra Hesse hat keine Berührungsängste, und ihre Institution verkörpert auf gewichtige Weise die beste Tradition des privaten Bürgerengagements. 1888, zur Gründerzeit der deutschen Kunstvereine, von Kölner Bürgern angeregt und von Sammlern um viele Schätze bereichert, war auch der Erweiterungsbau von einem Mäzen gestiftet worden. An welchem besseren Ort also hätte man die rheinischen Sammler zum Stelldichein bitten sollen?
So lag die gute Laune nicht nur am guten Essen und dem eingemeindenden Frohsinn, der in Köln zu jedem ordentlichen Zivilengagement gehört. Es hatte sich auch der Eindruck verfestigt, dass die Kunstszene im Rheingebiet stark genug ist, ein städteübergreifendes Galeriewochenende schon im zweiten Jahr als Traditionsereignis erscheinen zu lassen. Wären die Rheinländer allerdings Preußen, hätten sie Grund gehabt, sich mitten auf einer glänzenden Party ohne Dünkel und Langeweile furios verärgert zu fühlen. Selten nämlich hat sich die Politik, die allerorten und zu jeder Minute die Kreativwirtschaft beschwört, haltloser blamiert. Auch wenn NRW-Wirtschaftsminister Harry Voigtsberger erst seit dem 15. Juli in Amt und Würden ist, hätte man sich von ihm inspirierendere Botschaften erhofft als eine gelehrte Exegese der Buchstaben MWEBWV – jenes Kürzelsalates, hinter dem sich das Ministerium für Wirtschaft, Energie, Bauen, Wohnen und Verkehr, aber offenbar keine Vision für die Kreativwirtschaft verbirgt. Der Minister jedenfalls ließ sich zu den dringend notwendigen Impulsen für die Weiterentwicklung des Kunststandortes Rheinland nichts Verständliches entlocken.
Dass seine improvisierte Anwesenheit aber durch die Abwesenheit der kommunalen Kulturentscheidungsträger noch zu überbieten war, hätte dem repräsentationsverliebten Preußen erst die Sprache verschlagen und dann die Laune verdorben. Immerhin haben Köln und Düsseldorf unter dem Aderlass der lokalen Galerieszene gelitten und sich aus eigener Kraft wieder nach vorn in die erste Reihe gekämpft. Schließlich ist die Kulturwirtschaft ein veritabler Standortfaktor für die demografische Entwicklung eines Ballungsraums, was jeder Banker heute vermutlich im ersten Lehrjahr lernt und jeder Handelskammerpräsident im Schlaf aufsagen kann. Und so war die Handelskammer denn auch vertreten. Die Stadtoberen waren es nicht. Der Minister hatte auch erkennbar Geld gegeben. Die Stadt hingegen fördert allzu oft mit bloßen Peanuts, was doch deutlich sichtbar nach außen überregionale Reichweite verspricht.
Aber der Rheinländer? Der Rheinländer singt, trinkt und lacht. Der rheinische Sammler und der rheinische Galerist wissen ohnehin, dass niemand je ihre Kompetenz erreicht, und dann soll ja auch der Verkauf nicht so schlecht gelaufen sein in diesem Jahr. Und so war Miami Beach an der Rechtschule zu Köln. Nur der Pool hat gefehlt. So entspannte Partys jedenfalls sind selten im Kunstbetrieb. Köln kann also auch hier mit Know-how missionieren. Das aber haben sogar die Preußen schon vorher geahnt.
Mehr im Dossier DC Open 2010