Echtheitsprobleme beim Bronzeguss

Tausend falsche Giacomettis

Friederike Gräfin von Brühl
10. Oktober 2009
Während die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel mit ihrer fulminanten Sommerausstellung das Werk des Schweizer Bildhauers Alberto Giacometti (1901-1966) feierte, gelang in Deutschland ein Giacometti-Coup grundlegend anderer Art: 1.000 gefälschte Giacometti-Bronzeplastiken, darunter 160 Gipsstückformen, konnte das baden-württembergische Landeskriminalamt am 11. August 2009 in einem Lager in Mainz sicherstellen. Legitimiert durch falsche Echtheitszertifikate, sollten diese Werke für zweistellige Millionenbeträge auf dem internationalen Kunstmarkt abgesetzt werden. Zwar konnten die Anbieter keine glaubwürdigen Herkunftsnachweise geltend machen. Die fehlenden Angaben zur Provenienz sollten aber durch einen im Privatdruck herausgegebenen Kunstband verschleiert werden, der ausführlich die Herkunft der Werke aus dem Erbe des Giacometti-Bruders Diego darstellte – natürlich vollkommen fiktiv. Als Drahtzieher gelten ein Kunsthändler und zwei Komplizen.

Dass es den Ermittlern geglückt ist, die Machenschaften dieser Clique rechtzeitig aufzudecken, ist ein Glücksfall. Gefälschte Bronzen sind auf dem Kunstmarkt ein Dauerproblem. Das liegt vor allem daran, dass sich Bronzen besonders gut zur Vervielfältigung eignen und dabei die Grenze zwischen Echt und Unecht nur schwer zu ziehen ist. Verunsichert wird der Markt nicht nur durch spektakuläre Ganovenstücke wie im aktuellen Giacometti-Skandal, sondern auch durch posthume Güsse profitfreudiger Erben oder eigenhändige Vervielfältigungen verantwortungsloser Sammler. Eine Surmoulage, also ein täuschend echt aussehender Abguss vom Originalguss, ist oft selbst für erfahrene Experten kaum vom Original zu unterscheiden. Und stammt nicht auch die Surmoulage indirekt von des Künstlers Hand? Kunstliebhaber könnten in ihrem Urteil sogar noch weiter gehen: Ist es für die ästhetische Qualität eines von der Originalform gewonnen Abgusses nicht vollkommen egal, ob er mit oder ohne Kenntnis des Künstlers hergestellt wurde? Ästhetischer Genuss macht sich nicht an einer Einverständniserklärung fest.

Juristisch brisant ist die Frage nach der Abgrenzung echter von unechten Bronze aber nicht nur im Strafrecht und Urheberrecht, sondern auch bei der Sachmängelhaftung auf dem Kunstmarkt. So haftet der Kunsthändler seinem Käufer, wenn er eine Bronze fälschlich als Originalabguss bezeichnet hat. Auch der Kunstexperte, der ein unzutreffendes Echtheitszertifikat über einen angeblich originalen Bronzeguss erteilt, kann von seinem Kunden auf Schadensersatz in Anspruch genommen werden.

Nach heute herrschendem Rechtsverständnis ist der Originalbegriff beim Bronzeguss weder von der Eigenhändigkeit der Gussform noch von der Eigenhändigkeit des Abgusses abhängig. Entscheidend ist allein, ob der Abguss vom Künstler autorisiert war, ob er also mit seiner Billigung und auf seine Veranlassung hin erfolgte. Die Autorisierungspraxis ist von Künstler zu Künstler verschieden. Meist legt ein Künstler im Vorfeld eine Auflage fest und nummeriert die Abgüsse. So hinterließ Auguste Rodin, der sich ein breites Publikum für seine Kunst wünschte, zahlreiche Gipsmodelle, von denen nach seinem Tod mehrere autorisierte Abgüsse genommen wurden. Henry Moore dagegen zerstörte alle von ihm verwendeten Gipsmodelle, um unautorisierte Abgüsse von vornherein zu verhindern. Constantin Brancusi, der von jedem Modell immer nur zwei Bronzen gießen ließ, hinterließ eine Reihe von Gussformen, ohne posthume Abgüsse zu verbieten, und sorgte so für kontroverse Spekulationen, ob er wohl mit der Nutzung dieser Formen einverstanden gewesen wäre.

Alberto Giacometti selbst scheint sich über diese Fragen keine Gedanken gemacht zu haben. Die Nummerierung seiner Abgüsse hat er nie sehr genau genommen, und auch dem sonst so sorgfältig um das Werk seines Bruders bemühten Diego Giacometti unterliefen beim Durchzählen der Abgüsse hin und wieder Fehler. Unstimmige Auflagenzahlen wecken daher bei Giacometti-Werken grundsätzlich keinen Verdacht. Ob das wohl der Grund ist, warum er bei Kunstfälschern so beliebt ist?



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