3. September 2009
Isa Genzken: „Sesam, öffne dich!“ – Museum Ludwig, Köln. Vom 15. August bis 15. November 2009Selten war die Moderne so modern wie heute. In der zeitgenössischen Kunst wird sie befragt, zitiert, gespiegelt, als gäbe es sie bald nicht mehr. Die Jüngeren borgen sich ihre Oberflächen von den Älteren aus, als wollten sie ihren Arbeiten mit der Rhetorik einer heroischen Vergangenheit ein wenig mehr Zeitlosigkeit garantieren. Bei all dem Hype aber werden bisweilen gerade jene Künstler in den Hintergrund gedrängt, die schon lange mit dem Projekt Moderne ringen. Isa Genzken zum Beispiel, die zwar immer schon geschätzt, aber nie hochgejubelt wurde und die jetzt ihre bislang größte – gar nicht einmal so groß erscheinende – Retrospektive hat. Dabei hat die 1948 geborene Bildhauerin schon in jungen Jahren je zweimal an der documenta und den Skulptur Projekten in Münster teilgenommen und war auch in wichtigen Überblicksausstellungen wie „Westkunst“ in Köln (1981), „Skulptur im 20. Jahrhundert“ in Basel (1984) und „Einleuchten“ in Hamburg (1989) vertreten. Zudem waren von Anfang an auch einflussreiche Galerien wie Konrad Fischer und Fred Jahn an ihrer Arbeit interessiert. Und doch verlief ihre Karriere alles andere als steil. Sie galt immer als typische „Künstler-Künstlerin“, eine Art weltweit bekannter Insidertipp, bis sie 2007 in den Deutschen Pavillon bei der Biennale in Venedig eingeladen wurde.
Aus der Whitechapel Gallery London ins Kölner Museum Ludwig gekommen, bekundet die aktuelle Schau ein in jeder Etappe durchreflektiertes, souveränes Oeuvre, einen wandlungsfähigen und doch stringenten Beitrag zur Bespiegelung der Moderne. Als Vorbild könnte ihr Werk vor allem wegen der Leichthändigkeit dienen, mit der Genzken das Combine Painting der 1950er-Jahre oder das Objet trouvé neu belebt, wegen der scheinbaren Beiläufigkeit, mit der sie ihren Trash-Look in Szene setzt. So etwa in den jüngsten Paraphrasen der Twin Towers, die sie mit Kunststoffsäulen, Klebeband, Spiegelfolie, Filmstreifen und Fotografien rekonstruiert und dabei mit einfachen Mitteln das mediale Ereignis der Zerstörung reflektiert. Genzken hatte sich, wie ihr eigenes Werk der 1990er-Jahre bezeugt, immer schon für die moderne amerikanische Architektur begeistert, für die Klarheit und den skulpturalen Charakter maßgeblicher Bauten. Ganz besonders für das World Trade Center, das bei ihren schlanken, wohlproportionierten Säulen-Skulpturen Pate stand, auch wenn sie die Arbeiten mit den Namen befreundeter Künstler an die eigene Biografie zurückband: Kai, Wolfgang, Dan heißen die Titel und reklamieren Intimität.
Deutlich wird in der Kölner Werkschau eine Präzision, die sich in Unvollkommenheit bekunden darf. Bilder mit selbstklebenden Folien wie in der Serie „Soziale Fassaden“ und an Richard Serra orientierte architektonische Modelle („New Buildings for Berlin“) legen es auf minimalistische Perfektion nicht an und erscheinen gerade deshalb emotional zugespitzt. Hier und da steht eine Kante vor, zeigt sich der dick aufgetragene Klebstoff: authentische Spuren der bildhauerischen Praxis, dabei nicht minder diskursorientiert in der Debatte um die Utopien der Moderne, ihr vermeintliches Scheitern und eine Schönheit des Fragmentarischen.
Das stilistisch breit aufgestellte Werk hätte ertragreich in der Chronologie entfaltet werden können, von den anfänglichen „Metabolos“ – Joseph Beuys hatte Genzken angesichts der gertenschlanken Bodenskulpturen „Young Matisse“ getauft – über die mit autobiografischen Erinnerungen angereicherten Betonskulpturen bis zu aktuellen, mit Puppen inszenierten Tableaux vivants. Deren jüngste exzentrische Straßenszene im Entree der Ausstellung verfängt leider nicht, weil die Metamorphose der Schaufensterpuppen vom Fundstück in die eigene Handschrift nicht gelingen will. Einer konventionellen Retrospektive aber zieht die Kölner Schau eine Mischung der Werkabschnitte vor – mit guten Argumenten bei einem Werk, das seine Identität in der Veränderung behauptet.
Schaut man sich heute eine solche Entwicklung, ihre Stringenz und ihren Mut zu Irrtum und Experimenten an, könnte man die Genzken-Ausstellung auch als diskreten Hinweis verstehen: Lasst Euch Zeit, sagt die Ausstellung. Künstlerischer Eigensinn kann ein solides Fundament sein, wie man sieht.