Drei neue Design-Bücher über und mit Dieter Rams

Die Betrauerung des Anrufbeantworters

Birgit S. Bauer
21. Januar 2010
Nein, Dieter Rams feiert 2010 keinen runden Geburtstag. Denn das könnte man angesichts der Aufmerksamkeit, die dem wohl bekanntesten Industriedesigner der Welt in jüngster Zeit zuteilwird, vermuten. Ein Jubiläum feierte er 2007, da wurde er 75 und erhielt den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland und den Preis der Raymond Loewy Foundation. Nun scheint es vielmehr so, als wäre der Moment gekommen, die Arbeit des Gestalters neu zu verhandeln, als seien differenziertere Einblicke in sein Schaffen möglich. In dieses Bild passt auch, dass ihm das Design Museum London mit „Less and More“ eine Überblicksschau über sein Lebenswerk widmet, die im Frühjahr ins Museum für Angewandte Kunst Frankfurt wandern wird. Dazu entstand ein 800 Seiten starker Ausstellungskatalog, der in jeder Beziehung schwer wiegt. Rams ist aber auch so etwas wie der Spiritus Rector zweier grundlegender Publikationen über das zeitgenössische Design, die jüngst erschienen sind.

Rams, der 40 Jahre lang das Design der Firma Braun prägte und neben dem „Schneewittchensarg“ SK 4 auch legendäre Möbellinien für Vitsoe schuf, gilt als Vertreter einer moralisch unterfütterten Moderne, die Design als Ausdruck der Funktion und Brauchbarkeit eines Objektes begreift. Das wird in der Londoner Publikation deutlich. Über 190Produktabbildungen, daneben zahlreiche Skizzen, Modelle und Zeichnungen, aber auch die vielseitigen Essays von Klaus Klemp, Sophie Lovell, Hitoshi Yamamura und Hajime Narai geben einen Überblick über das Schaffen des Designers und machen den Katalog zu einer gewichtigen Referenz. Rams gilt als Ikone. So stellte er einem Katechismus gleich 10 Gestaltungsthesen auf, darunter Forderungen wie „Gutes Design ist so wenig Design wie möglich“. Dennoch werden die Konturen seines Bilds zunehmend weicher. Diese Monografie ist weitaus persönlicher als frühere Veröffentlichungen und arbeitet auch die eher künstlerische, nicht-rationale Seite des Werkes von Rams heraus. Der Katalog ergreift zudem die Chance, die Begeisterung der Rams-Verehrer in Bild und Text umzusetzen. Spannend und neu ist auch, dass das Werk des Japankenners hier in Bezug zur dortigen Interpretation der Moderne mit ihren Wurzeln in alten Handwerkstraditionen gesetzt wird. Auf diese Weise offenbart sich, welch große Rolle Aspekte wie Leere und Schönheit bei der Funktion und Gestaltung eines Rams’schen Produktes spielen. Die „Akte Rams“ erfährt durch „Less and More“ nicht nur eine fast lückenlose Dokumentation, sondern eröffnet auch einen neuen Zugang und neue argumentative Schnittstellen zu einem erzählerischen und expressiven Design, mit dem der Meister selbst übrigens nie etwas anfangen konnte.

Formal geradezu antithetisch zu Rams kommt das zeitgenössische Möbeldesign in „Once Upon a Chair – Design Beyond the Icon.“ aus dem Gestalten Verlag daher: bunt, narrativ und expressiv, experimentell in Konzept, Form und Material. Die Publikation ähnelt vom Umfang her fast einer Möbelmesse. Und genau wie auf einer Messe haben die bekannten Häuser größere Stände, die Newcomer kleinere Buden. Büros wie Makkim Bey oder Shigeru Ban sind auf Doppelseiten mit Textporträt vertreten, die kleinen und jungen – darunter viele Deutsche wie beispielsweise Tina Roeder oder Judith Seng – mit Abbildungen und knappen, aber hilfreichen Projektbeschreibungen aus der Feder von Shonquis Moreno. Die im Titel beschworene Abkehr von den „Design-Icons“ und dem Hype um die Selbstdarsteller der Szene manifestiert sich in der wirklich frischen Auswahl der Akteure: Nachwuchsdesigner werden mit den Ideen der Großen gepaart. Weniger gelungen sind das Vorwort und die Kapiteleinführungen von Andrej Kupetz, immerhin Chef des Rats für Formgebung, der wichtigsten deutschen Design-Institution. Kupetz scheitert unter anderem daran, dass er die Schnittstelle zur Moderne allein im Bauhaus sieht und als Gemeinsamkeit zu heutigen Positionen vor allem einen überaus vagen Ethos-Begriff beschwört. Und man fragt sich, was der Abschied von den Icons, was limitierte Möbeleditionen mit einem ökologischen Denken zu tun haben, wenn mit heiligem Ernst nach Art von Dieter Rams nicht zehn, sondern sieben Thesen zur Nachhaltigkeit proklamiert werden. In den Texten herrscht Unklarheit über die Botschaft des Buches. Möchte es theoretische Legitimations- und Verständnishilfe für junges Autorendesign leisten? So muss die mit ihren präzisen Beschreibungen und einer Indexierung am Buchende sehr ordentlich gemachte Publikation nicht wegen, sondern trotz der Texte uneingeschränkt als Überblick über die neuesten Strömungen im Möbeldesign empfohlen werden – und zwar als Bilderbuch.

Und noch einmal Rams: Auch zwischen den Buchdeckeln des 160 Seiten starken Hardcover-Büchleins von Markus Frenzl fehlt der Fußabdruck des Meisters nicht. Er hat als Gütesiegel ein Vorwort beigesteuert, in dem er dem Autor nachhaltiges, vernünftiges Schreiben bescheinigt. Und so ist es auch. Die Frage des Buchtitels, was Designkultur sei, wird in den 29 Essays sehr vergnüglich und äußerst aktuell beantwortet. Denn irgendwo zwischen dem (Porzellan-)Mülleimer von Konstantin Grcic und dem massenweisen Auftreten von Michele de Lucchis „Tolomeo“-Leuchte, zwischen Zeitschriftenstapeln, Kaffeemaschinen und der DesignArt lauert sie, die Designkultur. Frenzl steigt in die Niederungen des Alltags hinab, berichtet darüber, wie sich matte und glatte Oberflächen bedingen und gleichzeitig abstoßen oder wie sich manches Design irgendwann einfach davonmacht – wenn etwa das Verschwinden der verpixelten, frühen Handy-Fotografie oder eines sonderbaren Geräts namens „Anrufbeantworter“ betrauert wird. Die Texte entstanden zwischen 2006 und 2009 und viele davon wurden schon auf diversen Internetplattformen veröffentlicht oder stammen aus Unternehmenspublikationen. Denn auch das ist Designkultur – ein Teil davon gehört immer der Industrie. Die Gestaltung des Buches durch die Grafikerin Antonia Henschel macht allerdings den Vorteil des Buches gegenüber dem Web sehr deutlich: Das Internet liegt nicht so schön auf dem Bücherstapel.

Klaus Klemp, Keiko Ueki-Polet (Hg.): Less and More – The Design Ethos of Dieter Rams. Die Gestalten Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 2009. 808 Seiten, Englisch/Deutsch, zahlr. farbige Abb., Slipcase, ISBN 978-3-89955-277-5, EUR 49,90

Robert Klanten, Sven Ehmann, Andrej Kupetz, Shonquis Moreno (Hg.): Once Upon a Chair – Design Beyond the Icon. Die Gestalten Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 2009. 272 Seiten, Hardcover, in engl. Sprache, ISBN 978-3-89955-256-0, EUR 44,--

Markus Frenzl: Was heißt hier Designkultur? – Essays zum zeitgenössischen Design 2006–2009. Trademark Publishing, Frankfurt/Main 2009. 160 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-9812294-8-6, EUR 24,--


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