Drei neue Bücher zum Umfeld „Kapitalistischer Realismus“

Impulse aus dem Möbelhaus

Dominikus Müller
19. August 2010

1963 stellen Gerhard Richter und Konrad Lueg in einem abgehalfterten Düsseldorfer Möbelhaus das Mobiliar auf Sockel, setzen sich oben drauf, hängen einen Anzug von Professor Joseph Beuys an die Wand und nennen das Ganze „Leben mit Pop – eine Demonstration für den Kapitalistischen Realismus“. Das, so die landläufige kunsthistorische Meinung, war die Geburtsstunde deutscher Popkunst: eine legendäre Performance, ein ganz und gar wegweisendes Happening, das den piefigen Alltag im Nachkriegsdeutschland für kunstwürdig erklärt und gleichzeitig ironisch irgendwie attackiert. „Gesellschaftskritisch“ jedoch, so wird Richter immer wieder zitiert, sei das aber auf „auf keinen Fall“ gemeint gewesen. Wie auch immer, vom Titel blieb interessanterweise nicht so sehr der „Pop“ hängen, sondern der „Kapitalistische Realismus“ – verständlicherweise, gerade vor dem Hintergrund von Richters Ost-West-Biografie und damit auch als Gegenpol und ironische Analogie zum „Sozialistischen Realismus“ auf der anderen Seite der Mauer.

Es war der Galerist René Block, der die Arbeiten von Richter und Lueg, von Sigmar Polke, KP Brehmer, K.H. Hödicke und Wolf Vostell bald unter diesem Genre-Schlagwort zusammenfasste. Und schon 1971 gab Block bereits eine Art retrospektiver Sammlung von Druckgrafiken dieser Künstler heraus. Dass eine Auswahl nun neulich in der Lyonel-Feininger-Galerie in Quedlinburg zu sehen war, ist Anlass genug, diese auch in einem netten kleinen Katalog zusammenzufassen. In „Kapitalistischer Realismus. Grafik aus der Sammlung Block“, einem leicht verdaulichen, liegestuhltauglichen Bildband, ist dann alles drin. Er beginnt mit einer recht allgemeinen, aber für den Einstieg ausreichenden Kontextualisierung von Herausgeber und Galerieleiter Björn Egging, dann folgen ein Faksimile des Textes aus Blocks Feder von 1971 und natürlich die Grafiken selbst: von KP Brehmers Nazi-Briefmarken über Lueg’sche Tischdeckenmuster, von Richter-Überwischungen und Polke-Humor bis zum Vostell-Lippenstiftbomber. Ja wirklich, alles da.

Letzterer – Vostell selbst, nicht der Lippenstiftbomber – war ja sowieso hyperproduktiv und mega-engagiert. Unentwegt hat sich der Leverkusener Großmeister des Happenings um die Durchdringung von Kunst und Leben, die Auflösung von Kunst im Leben bemüht. Kein Wunder also, dass Vostells Grafiken nicht nur in René Blocks Katalog-Sammlung den größten Raum einnehmen, sondern der Künstler an dieser Stelle gleich noch mit einem anderen, ungleich dickeren und monströseren Katalog vorgestellt werden kann: „Das Theater ist auf der Straße“ heißt die annähernd 350 Seiten umfassende Publikation zur gleichnamigen Ausstellung im Museum Morsbroich Leverkusen und im 1976 von Vostell eigenhändig gegründeten Museo Vostell im spanischen Malpartida. Sie bietet, der Titel lässt es bereits erahnen, einen erschöpfenden Blick auf die wohl vergänglichste Gattung moderner Kunst, das Happening.

Und da das Museo im Besitz des riesigen Vostell-Archivs ist, fällt dieser Blick entsprechend materialreich aus. Hier ist alles abgebildet, was das kunsthistorisch geschulte Herz höherschlagen lässt – von den selbstredenden Fotodokumentationen, von ausrisshaft präsentierten Zeitungsartikeln über Konzeptskizzen und schriftliche „Regie-Anleitungen“ bis hin zu den Décollagen Vostells, die oftmals bei den Happenings entstanden. Und während im eingangs vorgestellten Grafik-Katalog die politisch sehr direkte und engagierte Seite Vostells im Vordergrund steht, gewinnt hier beim Durchblättern oft die situationskomische und, ja, sagen wir es ruhig: alberne Seite seines Werks die Oberhand. „Stecken Sie 24 Stunden lang Nadeln in rohes Fleisch. Sie erfahren mehr über Nadeln und rohes Fleisch.“ Und so weiter. Man kennt so etwas ja zur Genüge. Toll ist es aber immer noch.

Aber trotzdem noch einmal zurück zum Anfang, zum Engagement, zur Kritik und zur Geburtsstunde deutscher Pop-Art: Denn diesen Sommer teilen sich gleich zwei Neuerscheinungen den Titel „Kapitalistischer Realismus“ – besagter Grafik-Sammelband und ein ungleich gehaltvollerer Theorie-Sammelband. Die vom Wiener Soziologen Sighard Neckel herausgegebene Publikation geht, so der Untertitel, den Weg „Von der Kunstaktion zur Gesellschaftskritik“. Kapitalistischer Realismus wird hier nicht im Sinne einer kunsthistorischen Gruppierung gebraucht, sondern fungiert als Schlagwort, um nach den veränderten Bedingungen zu fragen, unter denen Kritik heutzutage stattfinden muss. Wir merken schon: Jetzt wird es ernst, denn jetzt kommt die Gegenwart. Es geht um die „Trugbilder, die Selbsttäuschungen und Paradoxien, die dann entstehen, wenn der Kapitalismus Kultur und Lebensstil wird“, heißt es in den einleitenden Worten von Neckel und seiner Kollegin Monica Titton.

Das heutige gültige Prinzip ist natürlich nicht mehr das der angestrebten Konsumsättigung, wie es vielleicht noch für das durchschnittliche, spießbürgerliche Wohnzimmer galt, das Lueg und Richter 1963 auf die Schippe nahmen. Das heutige Prinzip ist das der Eigenzurichtung, der Optimierung und Flexibilität, die immer beim Subjekt beginnt. Kritik aus einer oppositionellen Haltung heraus hat sich damit erledigt. Der gegenwärtige Kapitalismus ist weniger Konsumkapitalismus denn Netzwerkkapitalismus, in dem Beziehungen, Distinktionen und Identitäten zur Leitwährung aufsteigen. Dass gerade der Kunst- und Kulturbetrieb davon seit Jahr und Tag ein Lied singen kann, liegt auf der Hand. Dennoch kümmert sich nur ein Beitrag des Readers, der von Isabelle Graw, dezidiert um den Kunstbetrieb und das Verhältnis von Markt, Kunst, Kunstwelt und Kunstkritik. Ansonsten geht es sehr viel allgemeiner um den Versuch einer kritischen Annäherung an die gegenwärtigen Strukturen von Ästhetisierung, Ökonomisierung, Konsum und Distinktion quer durch alle Lebensbereiche: Musikgeschmack, Neoliberalismus, die Aufmerksamkeitsstrukturen des Internets und selbst der Super- und Heimwerkermarkt sind hier Thema. Trotz des üblichen Problems akademischer Reader – nämlich der Gleichzeitigkeit von „zu breit gestreut“ und „überspezialisiert“ – ist dieses Buch unbedingt lesenswert. Und weil der perfideste Kniff des neuen Kapitalismus und damit gleichzeitig das größte Problem für seine Kritiker in der Tatsache zu suchen ist, dass er jegliche Kritik in seine Verwertungslogik eingliedern kann, steht hier am Ende mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Leute, kauft dieses Buch.

Björn Egging, „Kapitalistischer Realismus. Grafik aus der Sammlung Block“, Kerber Verlag, Bielefeld, 2010, 144 Seiten, zahlreiche Abbildungen, ISBN 978-3-86678-413-0, EUR 29,80

Sighard Neckel (Hg.), „Kapitalistischer Realismus. Von der Kunstaktion zur Gesellschaftskritik“, Campus Verlag, Frankfurt/M., 2010, 300 Seiten, ISBN 978-3593391823, EUR 29,90

Markus Heinzelmann, Fritz Emslander & Jose Antonio Agúndez Garcia (Hg.), „Das Theater ist auf der Straße. Die Happenings von Wolf Vostell“, Kerber Verlag, Bielefeld, 2010, 344 Seiten, ca. 800 Abbildungen, ISBN 978-3-86678-431-4, EUR 44,80


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