13. Mai 2010
Hand aufs Herz: Was wissen Sie über Richard Hamilton? Abgesehen davon, dass er mit seiner Collage Just what is it that makes today's homes so different, so appealing? (1956) eine Ikone der Pop Art schuf? Und damit zu deren Namensgeber wurde? Trotz seiner kunsthistorischen Bedeutung wurde Hamilton nie so populär wie Andy Warhol oder Roy Lichtenstein. Doch mit dem Sammelband „October Files: Richard Hamilton“ kann man diese Wissenslücke jetzt ausmerzen. Hier gibt es harte Fakten mit Tiefgang, hier geht es um Kunstgeschichte, um das Gestern im Heute und wie es dorthin kam. Das volle Paket eben. Die Zeitschrift „October“, das amerikanische Schlachtschiff wissenschaftlich grundierter Kunstkritik, gibt die monografische „Files“-Reihe seit dem Jahr 2000 heraus – um jeweils eine kanonische künstlerische Position der Gegenwartskunst vorzustellen und dabei nachzuzeichnen, welchen Anteil die Kunstkritik an ihrem Aufstieg hatte. Keine Geschichte der Kunst also ohne eine Geschichte ihrer Kritik. Damit dürfte auch klar sein, wie die „Hamilton-Files“ aussehen: ein Paperback mit wenig Bild und sehr viel Text, vor allem akademischer Natur, etwa vom „October“-Veteranen Hal Foster, der gemeinsam mit Alex Bacon auch als Herausgeber fungiert. Zum Glück arbeiten sich nicht alle Essays, wie beispielsweise David Mellors Beitrag aus dem Jahre 1992, an so großen Themen wie „The Pleasures and Sorrows of Modernity: Vision, Space, and the Social Body in Richard Hamilton“ ab oder examinieren Hamiltons Verhältnis zu Marcel Duchamp. Es gibt auch ein überaus lesenswertes Interview mit Hamilton selbst, einige Texte aus dessen eigener Feder sowie einen unterhaltsamen, im Sprach-Duktus völlig ausscherenden Beitrag von Pop-Journalisten-Koryphäe Greil Marcus aus dem Jahr 2007. Am Ende ist das Ganze aber natürlich vor allem solide Arbeit. Ein Nachschlagewerk für den Forscher, eine Nachhilfestunde für den ernsthaft Interessierten, jedoch kein vergnügliches Bilderbuch. Und damit genau das, was man von „October“ erwarten kann.
Von der Pop Art zum Comic ist es kein sehr weiter Weg – und von der Seriosität à la „October“ zum Anspruch der nächsten Publikation auch nicht. Dieser Neuzugang auf dem Büchertisch heißt „Die Sprache des Comics“ und beschäftigt sich eben mit dieser. Das aber auf erschöpfenden 400 Seiten. Das Fazit von Verfasser Ole Frahm lautet – will man es verschlagworten –, dass der Comic dem Prinzip einer „parodistischen Ästhetik“ gehorche, deren Grundzüge er im ersten Teil des Buches skizziert. Und als guter semiotischer, poststrukturalistisch gebildeter Akademiker setzt Frahm ganz vorne an: Aufgrund der Heterogenität ihrer Zeichen, ihrer Zwitterstellung zwischen Bild und Text, seien Comics „Parodien auf unsere gängige Vorstellung vom Verhältnis zwischen Zeichen und Referenz“. Das hier ist Grundlagenforschung und, zumindest im deutschen Sprachraum, wahrscheinlich auch so etwas wie Pionierarbeit. Im zweiten Teil versucht Frahm, auf den gewonnenen Kriterien jener spezifischen Comic-Ästhetik aufzubauen und deren Politiken ins Blickfeld zu rücken. Hier wird es dann konkreter und ein wenig kulturwissenschaftlicher. Frahm erläutert, was in der Einleitung als „schlichte“ These angekündigt wird: nämlich dass die parodistische Ästhetik des Comics „die rassistischen, sexistischen und klassenbedingten Stereotypien reproduziert und zugleich aufgrund ihrer immanent erkenntniskritischen Anlage reflektiert ...“ Auch wenn sich das trocken anhört, ist es unterhaltsam zu lesen und dank reicher Bebilderung auch für denjenigen interessant, der mit dem Genre Comic nicht so vertraut ist. Wahrscheinlich ist dieses Buch wirklich bald ein Standardwerk auf seinem Gebiet.
Den kompromisslosen Kopfsprung in Richtung populärer Kunst – ohne Wenn und Aber und auch ganz ohne akademisches Netz – wagt dann ein Buch, das uns über den Umweg MIT Press aus San Antonio in Texas erreicht, genauer, aus dem dortigen Museum of Art. „Psychedelic. Optical and Visionary Art since the 1960s“ hält wahrlich, was der Titel wie auch das Cover mit seiner seltsamen Kreuzung aus kaleidoskopartigen Mustern und dem Bild eines Sommersonnenuntergangs versprechen: ein Buch wie ein Trip, wie der Feierabend-Joint oder das Wochenend-Acid (vermutlich), schlingernd, chaotisch, grenzenlos. So grenzenlos, dass auch das Prinzip des guten Geschmacks hier längst nicht mehr zählt, genauso wenig wie die Distinktionszäune zwischen den verschiedenen Segmenten von Kunstgeschichte und Kunstbetrieb – oder zwischen High und Low, Betriebs-Kunst und Volks-Kunst. Auf der langen Reise Richtung Erleuchtung wäre dies ja auch alles unnötiger Ballast, irdisches Klimbim. Und so geht hier völlig selbstverständlich zusammen, was sonst nicht einmal ansatzweise zusammengedacht wird. Hier können etablierte und streng konzeptuelle Positionen wie Frank Stella, Bridget Riley, Victor Vasarely oder Philip Taaffe neben unglaublich obskurer Tantra-Kunst stehen, neben hanebüchenem Trash, etwa einem in leuchtenden Farben brennenden Herzen von Jim Morphesis, das über einer Gebirgslandschaft schwebt. Nur wenige Seiten weiter finden sich verschachtelte Graffitis in Regenbogenfarben, aus der Zeit, als Kunst von der Straße noch nicht Street Art hieß. Besonders sehenswert: die völlig irren und so grell wie nur möglich strahlenden Chakra-Akupunktur-Blutgefäß-Tableaus von Alex Grey. (Ein kleiner Tipp für all die, die es nicht wagen, dieses Buch aufzuschlagen: Ein Tableau findet sich auch auf dem Rückumschlag.) Angesichts dieses extra-prallen visuellen Pakets ist auch schnell klar, dass die ergänzenden Textbeiträge von Kurator David S. Rubin und seinen Mitstreitern Robert C. Morgan und Daniel Pinchbeck nicht so richtig mithalten können. Da mögen sie auch noch so viel McLuhan, Benjamin und Nietzsche zitieren, gegen den entfesselten Farborkan dieser Bilder und Titel wie „Cosmoerotica“, „Octocopter“ oder „Nostradamus“ ist einfach kein Kraut gewachsen. Oder doch?
Hal Foster, Alex Bacon (Hg.): „Richard Hamilton”, October Files, The MIT Press, Cambridge, Massachusetts 2010, 184 Seiten, 51 s/w-Abbildungen, Englisch, ISBN 978-0-262-51372-2, USD 17,95
Ole Frahm: „Die Sprache des Comics”, Philo Fine Arts, Hamburg 2010, 400 Seiten, Deutsch, ISBN 978-3-86572-656-8, EUR 22,--
David S. Rubin (Hg.): „Psychedelic. Optical and Visionary Art since the 1960s“, San Antonio Museum of Art, The MIT Press, Cambridge, Massachusetts 2010, 140 Seiten, 78 Farbabbildungen, Englisch, ISBN 978-0-262-01404-5, USD 29,95