Drei neue Bücher von und zu Paul McCarthy, Charles Saatchi, Wilhelm Uhde

Spartanisches Selbstlob

Astrid Mania
26. Mai 2010

Ob politisches Schwergewicht, ruppiger Sportler oder durchdesigntes Popsternchen – sie alle beglücken die Welt mit einer Autobiografie. Das Genre ist, dank Ghostwriter und PR-Maschinerie, zu einer erquicklichen Einkommensquelle für Berühmte und solche geworden, die es nur 15 Minuten sind. Nun gibt es im Kunstbetrieb nicht so viele massenkompatible oder die Massen interessierende Gestalten wie im Popbusiness oder auf der Bühne der Welt. Immerhin hat der britische Großsammler und Werbetitan Charles Saatchi das Buch als Medium in Sachen Selbstvermarktung entdeckt. Und wie es sich für jemanden gebührt, der mit Ideen Geld verdient, hat er ein lettristisches Format entwickelt, das irgendwo zwischen Selbstbekenntnis, Ratgeber und Orakel angesiedelt ist. Keine Autobiografie im strengen Sinne, aber wahrscheinlich der intimste Blick in seinen intellektuellen und seelischen Kosmos, den er überhaupt zu gewähren bereit ist.

In „Question“ beantwortet Saatchi Fragen zu seinem Leben, seinem Geschmack, seiner Kunst – Fragen, die angeblich von „führenden Journalisten und Kritikern sowie Mitgliedern der Öffentlichkeit“ stammen. Aber wer weiß das schon. Vielleicht wurden sie ja auch von ihm selbst oder Mitarbeitern der Werbeagentur erdacht. Denn nirgendwo im Buch ist auch nur einer dieser Auserwählten, die Saatchi mit einer selten tiefschürfenden, oftmals ausweichenden und fast immer versucht selbstironischen Antwort bedenkt, namentlich aufgeführt. Und so erfährt man, welche Schauspielerinnen Saatchi gefallen und ob er Berlin oder Amsterdam lieber mag. Ob er jemals Drogen genommen hat oder wie Ehen (nicht) funktionieren. Ob Damien Hirst sein Geld auch wert und er oder Jeff Koons der „größere“ Künstler sei. Nur, wen interessiert das? Dabei ist „Question“ schon das zweite Buch seiner Art. Es folgt auf den in gleicher Machart erstellten Bestseller „My Name Is Charles Saatchi And I Am An Artoholic“. Doch hohe Verkaufszahlen verheißen bekanntlich nicht immer Qualität, und so ist „Question“ für den Kunstliebhaber ein verzichtbares Buch. Interessant ist es allenfalls für Soziologen. Und für Historiker künftiger Generationen, denn wenn diese Publikation eines vermittelt, dann eine Vorstellung von unserer Kommerz- und Celebrity-orientierten Kultur.

Ein ganz anderes Kaliber ist Wilhelm Uhdes neu herausgegebene Autobiografie „Von Bismarck bis Picasso. Erinnerungen und Bekenntnisse“, eine historische Zeit- und Kulturreise für uns Heutige. Althergebracht scheint schon allein der Umfang des Buchs mit seinen 375 Seiten. (Saatchi liest sich da deutlich schneller.) Von der – sehr schönen – Sprache und den, für heutige Leser, seltsam national-schwärmerischen Passagen ganz zu schweigen. Wobei Uhde, damit keine Missverständnisse aufkommen, erklärter Gegner der Nationalsozialisten war. 1874 in komfortable Verhältnisse geboren verbringt er viele Jahre seines Lebens in Paris, wo er erstmals 1904 eintraf und fast durch Zufall zum Kunsthändler wurde. Und – was ist Mythos, was Realität? – ebenso zufällig einen weiblichen Akt mit gelbem Haar für zehn Francs erwarb. Es war, wie sich herausstellte, ein Picasso. Und der Beginn einer Freundschaft. Angeblich feuerte Picasso bei der ersten Begegnung mit Uhde einen Freudenschuss über diesen Ankauf ab. Solche schillernden Anekdoten und Episoden werden wie beiläufig erzählt, auch das Zusammentreffen mit anderen Größen wie Georges Braque, Käthe Kollwitz, Henri Rousseau oder Seraphine Louis. Uhde schreibt als zurückhaltender, bescheidener Kavalier alter Schule. Im Selbstlob spartanisch – und er könnte sich wirklich rühmen, vielen heute kanonischen Künstlern zum Durchbruch verholfen zu haben – war er es im Leben wohl nicht. Sein Buch ist auch ein Streifzug durch Restaurants und Etablissements, durch Corps-Studenten-Kneipen und schäbige Hotels auf der Flucht vor den Deutschen, eine Reflexion über Kultur und Politik seiner Zeit. Immer wieder finden sich Passagen, in denen Uhde den einen Künstler preist, den anderen vornehm aber deutlich abstraft. So ist sein Buch auch ein Blick in eine Historie der Kunstgeschichte, wenn nicht gar der Kunstkritik. Wer sich hier detailreiche Einblicke in die Händlerkarriere Uhdes erhofft, der wird enttäuscht. Wer einen reflektierten Streifzug durch die Kulturgeschichte zu schätzen weiß, sollte sich einen guten Burgunder öffnen (denn davon fließt in diesem Buch reichlich), einen bequemen Fauteuil aufsuchen und Uhde durch sein wahrhaft schillerndes Leben folgen. Selbst, wenn dieser hier bescheiden widersprechen würde.

Und zum Schluss noch „die Ausstellung als künstlerische Autobiografie“, wie es Jens Hoffmann im, ja was, Katalog? Künstlerbuch? von Paul McCarthy schreibt. Tatsächlich entstand die Publikation im Anschluss an McCarthys zweiteiliges Ausstellungsprojekt „Lowlife – Slowlife“ im Wattis Institute (2008 und 2009). Und wo wir hier schon am Ende dieses Buches sind – Hoffmanns Epilog gibt einen Abriss über die Geschichte des Künstler-Kuratierens wie auch die Ausstellung von McCarthy selbst. Dabei erweist sich diese Doppel-Schau wirklich als Einblick in die Biografie des Künstlers: Der erste Teil konzentriert sich auf Werke überwiegend aus den 1960er-Jahren, die McCarthy privat wie künstlerisch prägten, der zweite speiste sich aus Themen, die McCarthy selbst umtreiben. Das Buch „Tidebox Tidebook“ ist nun die Fortsetzung der Ausstellung im gedruckten Format und versammelt auf über 600 Seiten Abbildungen aus dem Archiv des Künstlers, vorwiegend Reproduktionen aus Büchern, Katalogen und Kunstzeitschriften, organisiert entlang inhaltlicher oder visueller Referenzen. Da gibt es eine Bilderstrecke etwa zum Wiener Aktionismus, folgen auf eine Aufnahme Michael Snows kinetischer Videoinstallationsskulptur die „Movie“-Gemälde von Tony Conrad, werden Valie-Export-Performances neben die von Dan Graham gestellt. Wer sich durch diesen assoziativen Bilderwust gekämpft hat, findet dessen sprachliches Äquivalent in McCarthys Text zu Buch und Ausstellungen – wortwörtlich ohne Punkt und Komma. Da ist es eigentlich inkonsequent, wenn hierauf ein verständliches Interview mit dem Künstler sowie Installationsansichten und Werklisten folgen. Den forschenden Geist freut’s, der Liebhaber kryptischer Künstlerbücher runzelt die Stirn. Dennoch – und das ist die Qualität dieser Publikation – kommen beide Fraktionen zu ihrem Recht. „Tidebox Tidebook“ ist ein Bilderatlas durch die jüngere Kunstgeschichte, gefiltert durch den Blick McCarthys. Und „Tidebox Tidebook“ ist ein Künstler-Bilder-Buch, großartig verpackt in einer Waschpulverschachtel. Die Erklärung dafür wird im Buch geliefert. Also: aufreißen und lesen.

Charles Nathan Saatchi: „Question”, Phaidon Press, London 2010, 174 Seiten, Englisch, ISBN 978-0-7148-5709-1, USD 9,95

Wilhelm Uhde: „Von Bismarck bis Picasso Erinnerungen und Bekenntnisse”, Römerhof Verlag, Zürich 2010, 375 Seiten, Deutsch, ISBN 978-3-905894-06-6, EUR 29,70

Jens Hoffmann, Paul McCarthy, Stacen Berg, CCA Wattis Institute (Hg.): „Paul McCarthy's Low Life Slow Life Tidebox Tidebook“, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2010, 640 Seiten, 550 Farbabbildungen, Englisch, ISBN 978-3-7757-2573-6, EUR 49,80


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