Drei neue Bücher über das Wesen der Bilder

Gespensterjagd am Rand der Kunst

Mirjam Wittmann
23. September 2010

Auf einmal wimmelt es nur so von Gespenstern. Seltsame, immaterielle Erscheinungen blicken uns von den Seiten kunsttheoretischer Publikationen entgegen. Das liegt aber nicht etwa daran, dass Spukbilder Hochkonjunktur hätten. Nein, vielmehr haben Bilder Einzug in den Kanon der Kunstgeschichte gehalten, die vorher an ihren Rändern oder aber den Grenzbereichen der Wissenschaften beheimatet waren. Seit dem Aufkommen der Bildwissenschaft aber werden die Unterschiede zwischen den Disziplinen immer mehr eingeebnet. Und so betrachten auch drei neue Bücher solche Bilder, die nicht immer in den traditionellen Bereich der Kunst gehörten, unter kunst- bzw. bildtheoretischen Aspekten.

Peter Geimer, dessen neuestes Buch den schönen Titel „Bilder aus Versehen“ trägt, führt eben auch Wissenschaftsbilder in die Kunstgeschichte ein. Seine Publikation handelt von Fotografie, denkt sie aber von ihren Unfällen, Störfällen und Sonderfällen her. Da wäre zum Beispiel August Strindberg, der keinesfalls nur literarisch tätig war und ungewollte chemische Reaktionen in den Olymp der Kunst aufnahm. Strindberg antizipierte damit im Grunde eine Vorgehensweise, die später Künstler wie Sigmar Polke oder Nobuyoshi Araki zum ästhetischen Prinzip erheben sollten: Zufällig oder bewusst erzeugte Störungen, Flecken, Schlieren und Verzerrungen tragen zum künstlerischen Mehrwert einer Fotografie bei. Aber auch in der Wissenschaft führt der Vorfall auf der fotografischen Platte zu mitunter ungeahnter Produktivität und zu völlig widersprüchlichen Interpretationen. So geschehen im Falle des Turiner Grabtuchs, dessen Rezeption mit der fotografischen Reproduktion ganz neu einsetzt. Vorher war es eine Reliquie, die nur wenige Gläubige auf ihren Pilgerfahrten sehen konnten. Erst die fotografische Untersuchung Ende des 19. Jahrhunderts machte etwas sichtbar, das manche als Antlitz Christi interpretieren. Dadurch wurde aus einem Glaubens- ein Wissenschaftsobjekt – das Versuchskaninchen ambitionierter Softwareentwickler, die mit Superscannern bis in die kleinsten Poren des Leinentuchs vordringen wollen. Ebenso unklar bleibt, was etwa auf den Fotografien des französischen Neurologen Jules Bernard Luys und seines Chemikerkollegen Emile David zu sehen war, die menschliche „Lebensströme“ mithilfe von Elektrizität sichtbar machen wollten. Geimer geht es dabei keinesfalls um eine neue Interpretation solcher Bilder. Stattdessen zieht er diese fotografischen Erscheinungen heran, um den Begriff der Fotografie neu zu denken, oder vielmehr aufzulösen. Damit stellt sich das Buch quer zu einer Geschichte der Fotografie als Lichtschrift, quer zu einer Geschichte des Anfangs um 1839 und quer zur Idee des Bildes als Abbild. Es durchbricht strenge Trennungen zwischen künstlerischen und nicht-künstlerischen Bildern. Sein Ansatz, vom Fehler, vom Flecken her zu denken, ist originell. Vor allem aber dürfte dieses Buch für all jene, die in der Fotografie immer noch die Magd der Wirklichkeit sehen und die Güte eines Fotos gar an seiner technischen Perfektion messen, ausgesprochen ergiebig sein.

Auch der Sammelband „Prekäre Bilder“ vereint Material aus Wissenschaft, Technik, Kunst und Literatur. Auch hier geht es, wenn man so will, um Erscheinungen, denn die Publikation untersucht Bilder auf ihren Erkenntniswert hin: ob digital erzeugte Computerbilder oder wissenschaftliche Zeichnungen, ob material oder mental spielt dabei keine Rolle. Paradigmatisch steht hierfür Stephan Gregorys Essay, der sich mit Joseph Fraunhofers Lichtmessungen beschäftigt. Fraunhofers vermeintlich wissenschaftliche Zeichnungen aber sind Bildschöpfungen – zumal, das weist Gregory aus wissenschaftshistorischer Perspektive nach, zu jener Zeit vollkommen unklar blieb, was Licht eigentlich ist. Dieser Beitrag ist in der Tat wesentlich, denn die heutige Gläubigkeit gerade an das wissenschaftliche Bild bedarf dringend einer Relativierung. Leider hat die Publikation im Bereich der bildenden Kunst weniger Erhellendes beizutragen. Bei Sylwia Chomentowska etwa, die sich mit William Turner auseinandersetzt, wird man auf bekannte kunsthistorische Themen zurückgeworfen, wenn sie die atmosphärischen Bilder des Briten als „ästhetisches Nichts“ interpretiert: Sie zeigen Etwas, aber nichts Konkretes. Chomentowska bemüht hierfür Begriffe von Unbestimmtheit und Dialektik, bleibt dabei jedoch ebenso nebulös wie manche Turner’sche Landschaft. Alles in allem ist dieser Sammelband ein Lesebuch für Spezialisten und für all jene, die wissen wollen, wie man unterschiedliche Bilder zusammendenken kann. Da ist Geimers interdisziplinärer Ansatz im allerbesten Sinne lehrreicher und unterhaltsamer.

Um die Unsicherheit, die Unzuverlässigkeit von Bildern geht es auch bei Barbara Filser. In ihrer über 500 Seiten starken Dissertation analysiert sie vier Filme des französischen Regiestars Chris Marker, der von sich selbst behauptete, dass er der „best-known author of unknown movies“ sei: „La Jetée“, „Le fond de l’air est rouge“, „Sans soleil“ und „Level Five“. Der Essayfilm räumt nach Filser gründlich mit der Vorstellung auf, mit dokumentarischen Strategien die Welt objektiv erfassen zu können. Vielmehr ist hier der Punkt erreicht, an dem Film beginnt, über sich selbst nachzudenken: Lange Einstellungen, Kommentare aus dem Off, Polyphonie, bildinterne Rahmungen oder sichtbare Schnitte sind eben nicht nur Mittel, einen mitunter anstrengenden Kunstfilm zu produzieren, sondern auch Mittel, um den fiktionalen Charakter eines Films zu zeigen. Ein Film, so könnte sich Filsers keineswegs neue These zusammenfassen lassen, zeigt nicht nur Welt, sondern immer auch Bilder von Welt. Und so kommt eine Eigenart des Filmischen zum Vorschein, nämlich gleichzeitig dokumentarisch und fiktional zu sein, was Filser in Anlehnung an Gilberto Perez als „material ghost“ bezeichnet. Wer sich für Chris Markers Filme und seine bildphilosphischen Konsequenzen interessiert, für den ist dieses äußerst detailreiche Buch ein Muss – und auch ein theoretischer Genuss. Für alle anderen lautet die Devise: Filme sollte man sehen, nicht lesen.

Peter Geimer: „Bilder aus Versehen. Eine Geschichte fotografischer Erscheinungen“, FUNDUS Band 178, Philo Fine Arts, Hamburg 2010, 450 Seiten, Deutsch, zahlreiche Abbildungen, ISBN: 978-3-86572-654-4, EUR 26,00

Robert Suter (Hg.), Thorsten Bothe: „Prekäre Bilder“, Wilhelm Fink Verlag, München 2010, 368 Seiten, Deutsch, ISBN: 978-3-7705-4810-1, EUR 49,90

Barbara Filser: „Chris Marker und die Ungewissheit der Bilder“, Wilhelm Fink Verlag, München 2010, 515 Seiten, Deutsch, ISBN: 978-3-7705-4883-5, EUR 68,00


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