9. September 2010
Unlängst begann ich, mir Sorgen zu machen. Ich hatte meine literarischen Anschaffungen des letzten Jahres inventarisiert und festgestellt, dass ich wohl unter einer Art dissoziativen Identitätsstörung litt. Bei einem Kunstwissenschaftler hätte sich doch ein kunstwissenschaftlicher Schwerpunkt abzeichnen müssen? Doch unter den Büchern, die ich gelesen hatte, befanden sich neben kunstbetrieblich Relevantem auch sämtliche Biographien über Robert Mugabe, einige soziologische Studien zu Straight Edge Hardcore, diverse psychologische Publikationen über die Pornoindustrie, eine Abhandlung über die Myrmekologie (Ameisenkunde), eine populärwissenschaftliche Einführung in die Epigenetik, eine Analyse der Erzähltechnik in Alan Moores Comic „Watchmen“ und last but not least ein Zeitzeugenbericht über das US-amerikanische West-Coast-Bodybuilding der 1960er-Jahre. Meiner Psychohygiene zuliebe versuchte ich, zumindest unter den kunstwissenschaftlichen Werken ein Ordnungsschema zu erkennen und siehe da, ein solches scheint tatsächlich zu existieren: Die meisten von mir gelesen Bücher beschäftigen sich mit Verwandlungen und Transformationen in allen Deklinationsformen. Drei besonders Gelungene möchte ich im Folgenden kurz vorstellen.
Wie eine Kunstausstellung nicht nur eine Stadt, sondern die nationale und internationale Kulturpolitik verwandelte, ist das Thema von Jan Andreas Mays lesenswerter Dissertation „La Biennale di Venezia: Kontinuität und Wandel in der venezianischen Ausstellungspolitik 1895–1948“. May hebt sich insofern von der mittlerweile unüberschaubaren Flut der Veröffentlichungen zu Kunstbiennalen positiv ab, als er in seiner auf umfangreiche Archivrecherchen gestützten Forschungsarbeit die Wechselbeziehungen zwischen Ökonomie, Politik und Kunst/Kultur nicht nur konstatiert, sondern empirisch belegt. Es geht also weniger um die gezeigten Kunstwerke, als vielmehr um den touristisch-politischen Komplex, der ihre Präsentation erst ermöglichte. Diesen bis ins Detail anschaulich gemacht zu haben, ist das Verdienst Mays. Wurden bislang überwiegend die Weltausstellungen als Vorbilder für die Biennale von Venedig bezeichnet, so ist Mays These, dass gerade auch frühere nationale und internationale Kunstausstellungen in dieser Hinsicht maßgeblich waren. Hierzu zählt er den Pariser Salon und Großausstellungen wie im Münchner Glaspalast zu Zeiten der liberalen Kunstpolitik von Prinzregent Luitpold. Gerade hier hätte man sich zwar mehr Nachweise direkter Bezugnahmen seitens Venedig gewünscht, nichtsdestotrotz eröffnet May eine vielversprechende neue Runde im Biennale-Poker. Sein Stil ist dabei durchgängig unaufgeregt, klar und unprätentiös – keine Selbstverständlichkeit im häufig überhitzten Biennale-Diskurs.
Mit großem Vergnügen und Gewinn las ich auch Christian Demands „Wie kommt die Ordnung in die Kunst?“. Vorab sei angemerkt, dass ich Demand für eine der wichtigsten Stimmen im zeitgenössischen Kunstdiskurs halte. Aus einem einfachen Grund: Trotz seines Status‘ als Professor für Kunstgeschichte nimmt er beharrlich den Betrieb aus der Perspektive des Außenseiters unter die Lupe. In „Die Beschämung der Philister“ (2003) attackierte er den hochfliegenden Tenor einer mit dem Betrieb verbrüderten Pseudo-Kunstkritik – nun geht es den Widersprüchen von Kunstgeschichte und Ausstellungspolitik an den Kragen. Wie kommt es, so Demand, dass in allen bedeutenden Museen für moderne Kunst fast identische kuratorische Programme aufgeboten werden? Wie kommt es, dass die progressivistischen Werke der Moderne in „einer übersichtlichen Abfolge blitzsauberer, wohlbewachter, vollklimatisierter Gehege“ angeordnet sind? Wie konnte sich die „weltumstürzende Theorie“ der Moderne in eine „kameralistische Praxis“ verwandeln? Mit erfrischender bayerischer Granteligkeit und gleichzeitig in klaren, vor allem aber argumentativen Sätzen hinterfragt Demand die Kanonisierungsprozesse des Kunstsystems. Seinem Ansatz liegen dabei zwei durchaus honorable Einflüsse zugrunde: Zum einen überträgt der Absolvent einer Journalistenschule die Forderungen nach Rationalität und Klarheit des Sprachzuchtmeisters Wolf Schneider auf den Kunstdiskurs. Zum anderen ist er als liberaler Konservativer den Idealen der Aufklärung verpflichtet und setzt die Priesterbetrugstheorie auf dem Feld der Kunst fort. Wie Kant ruft er dem Publikum zu: sapere aude – wagt, selber zu denken! Traut nicht der trügerischen Ordnung! Beruhigend ist, dass Demand zur Zeit der Französischen Revolution trotz seiner Angriffslust wohl eher auf Seiten der Girondisten, nicht der Sansculotten gestanden wäre. In einer Hinsicht wirkt seine ansonsten produktive emotionale Distanz zur bildenden Kunst allerdings störend: Erneut findet sich keine einzige Abbildung in seinem Buch.
Abschließend möchte ich von einer überaus seltsamen Verwandlung berichten, die Joseph Imorde in seinem aufschlussreichen Buch „Michelangelo Deutsch!“ ausführlich erörtert. Vergleichbar mit Jan May fährt er einen gewaltigen Quellenapparat auf um zu zeigen, wie Michelangelo in der Zeit zwischen 1860 und 1945 von großen Teilen der deutschen Kunstpublizistik germanisiert und als faustische Seele oder als „Geist vom deutschen Geist und Fleisch vom deutschen Fleisch“ kannibalisiert wurde. Vom einstigen Generaldirektor der Berliner Museen Wilhelm von Bode bis hin zu Paul Schultze-Naumburg legt Imorde dar, wie Bekenntnisse als Erkenntnisse verkauft wurden und subjektive Begeisterung im Gewand wissenschaftlicher Objektivität auftrat. Aufschlussreich ist etwa das Kapitel „Ausdruckskunst als Vulkanismus“, in dem Imorde beschreibt, wie Michelangelos Werk zu einem „Strom glühenden Empfindens“ und zum Quell „wilder Naturkräfte“ stilisiert wurde. Interessant ist, dass Imorde sich einerseits selbst als Ideologiekritiker bezeichnet, was Sinn macht, da er sich mit der historischen Blütezeit der Ideologien befasst, andererseits jedoch häufig die Quellen „selbst sprechen lässt“, um ihre innere Absurdität transparent zu machen. Indirekt weist Imorde nach, dass der Starkult nicht nur ein Phänomen der Popkultur ist und leistet auf diese Weise einen wichtigen Beitrag zur Geschichte des High-Low-Kontinuums in der Moderne.
Jan Andreas May: La Biennale di Venezia: Kontinuität und Wandel in der venezianischen Ausstellungspolitik 1895-1948, Studi. Schriftenreihe des Deutschen Studienzentrums in Venedig, Bd. 2, Akademie Verlag, Dezember 2009, 110 S/W u. 10 farbige Abb. ISBN: 3050045272, EUR 69,80
Christian Demand: Wie kommt die Ordnung in die Kunst?, Zu Klampen Verlag, Juni 2010, 285 Seiten, Hardcover, ISBN: 9783866740570, EUR 22,--
Joseph Imorde: Michelangelo Deutsch!, Deutscher Kunstverlag, Dezember 2009, 472 Seiten, Broschur, ISBN: 978-3-422-06922-0, EUR 49,--