Drei Berliner Museen feiern Jubliäumsjahr der „Brücke“

100 wilde Jahre

Christina Feilchenfeldt
1. August 2005
100 Jahre nach der Gründung der Künstlergemeinschaft „Brücke“ durch Ernst-Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Max Pechstein präsentieren die Nationalgalerie und das Kupferstichkabinett am Kulturforum Potsdamer Platz in Berlin in Zusammenarbeit mit dem Brücke-Museum Berlin gut 500 Objekte aus dem gemeinsamen Bestand. Erweitert und ergänzt werden die Exponate durch bedeutende nationale und internationale Leihgaben wie etwa die beiden Gemälde Ernst-Ludwig Kirchners Die Strasse (1913) aus dem Museum of Modern Art in New York und Eine Künstlergruppe (1926 / 27), heute im Kölner Museum Ludwig, beide ehemals im Besitz der Nationalgalerie Berlin und 1937 als entartet beschlagnahmt. Die Dichte der „Brücke“-Bestände in der Hauptstadt und die bereits seit ihren Anfängen miteinander verwobene Sammlungsgeschichte der drei Berliner Museen ließ für das Jubiläumsjahr die Idee entstehen, eine gemeinsame Ausstellung zu organisieren. Arbeiten auf Papier, das am meisten verwendete Medium der „Brücke“-Künstler, bilden dabei den Schwerpunkt. Hinzu kommen Blätter von Edvard Munch, der insbesondere die grafischen Arbeiten der „Brücke“ stark beeinflusste. Bei der Auswahl der Bezugsbeispiele hätten die Ausstellungsmacher allerdings auf einige Werke verzichten können, ohne die Wirkung der Exponate einzuschränken. So erscheint die Federzeichnung Van Goghs – Strasse in De Geest von 1882 / 83 – im Kontext nicht unbedingt einleuchtend. Gelungen wirkt dagegen die gemeinsame Präsentation von Malerei, Zeichnung, Grafik und Skulptur zur Veranschaulichung der gegenseitigen Abhängigkeit der drei Medien untereinander in der Kunst der „Brücke“. So sind neben Glasgemälden Max Pechsteins aus Messing getriebene Reliefs Karl Schmidt-Rottluffs, Entwürfe für Wandmalereien, Plakate, illustrierte Bücher, expressionistische Zeitschriften und Postkarten sowie Gebrauchsgegenstände und Schmuck der verschiedenen Mitglieder zu sehen. Die Vorstellung der Künstler, jeden Lebensbereich gestalterisch zu durchdringen, zeigt sich auch anhand der Rekonstruktion von Kirchners zweitem Berliner Atelier in der Körnerstr. 45 mit originalen Möbeln und Textilbehängen in der Ausstellung. Ihr großes Vorbild für die künstlerische Vereinigung von Kunst und Leben sah die „ Brücke“ in der „primitiven“ Kunst aus Afrika und der Südsee. Die Ausstellung platziert Objekte aus dem Ethnologischen Museum in Berlin in direkter Gegenüberstellung zur „Brücke“-Kunst, wobei die expressiven Blätter Emil Noldes einen Höhepunkt dieser Sektion bilden. Die ausdrucksstarken Köpfe der Einheimischen und die satten, farbig leuchtenden Landschaften seiner Aquarelle, die er während einer Expedition 1913 / 14 nach Neuguinea anfertigte, reflektieren die Faszination des Künstlers für die fremde Kultur und die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies. Auch den Darstellungen der fröhlichen Gelage in den Künstlerateliers oder in der Moritzburger Teichlandschaft nahe Dresden, so auf Pechsteins Gemälde Das gelbschwarze Trikot von 1909, liegt die Sehnsucht nach der Ursprünglichkeit eines Lebens im Einklang mit der Natur zugrunde. Die explosive Farbskala auf den Gemälden dieser Zeit erinnert an die großen Vorbilder van Gogh und Gauguin. Letzterer hatte ebenfalls in der Südsee das Paradies zu finden gehofft. Nach 1911 und der Übersiedlung nach Berlin weicht die ursprünglich durch starke Sinnlichkeit geprägte Weltsicht der Künstler der Erfahrung der Großstadt und der damit verbundenen Anonymität des Einzelnen. Die innere Befindlichkeit wird nun zum Sujet und lässt die Farbskala verhaltener und ruhiger werden. Insbesondere die Zeichnungen und Grafiken zeigen nun auch die Auseinandersetzung mit dem literarischen und intellektuellen Leben Berlins wie beispielsweise in Kirchners Porträtzeichnung von Alfred Döblin oder Karl Schmidt-Rottluffs Holzschnitt Bildnis G. (Simon Guttmann). Brücke und Berlin. 100 Jahre Expressionismus ist noch bis zum 28. August 2005 in der Neuen Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50, und im Kupferstichkabinett, Matthäikirchplatz, in Berlin zu sehen. Der Katalog zur Ausstellung erscheint im NICOLAI Verlag, Berlin; herausgegeben von Anita Beloubek-Hammer, Magdalena M. Moeller, Dieter Scholz unter Mitwirkung von Bettina Schaschke. 376 Seiten, 350 farbige Abbildungen, 60 Schwarz-Weiß-Abbildungen. Er kostet in der Ausstellung 24,90 Euro, gebunden 39,90 Euro.

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