Drei aktuelle Bücher zur Kunst von heute

Aufstand auf Stöckelschuhen

Noemi Smolik
16. September 2010

Der Erfolg eines Künstlers misst sich nicht mehr nur an Ausstellungsbeteiligungen. Mochte es früher reichen, auf der einen oder anderen Biennale zu zeigen, muss man es heute auch in eines der vielen Hitparaden-Bücher geschafft haben. Wer sich in einer solchen Publikation befindet, so suggerieren die Herausgeber, gehört zum Kanon der Zukunft, und ein solches Buch damit in jeden Bücherschrank. 1998 begann Phaidon seine „Cream“-Serie, die nach einem einfachen Prinzip funktioniert: Zehn Kuratoren nennen je zehn Künstler, die sie für wegweisend halten. Nun liegt bereits die vierte Ausgabe dieses subjektiven Best-of vor, „Creamier Contemporary Art in Culture“. Doch dies ist nicht einfach eine Liste. Nein, die Kuratoren setzten sich an einen Tisch und plauderten. Über die Krise, über Kriterien. Krise? Debra Singer, Kuratorin an der New Yorker Non-Profit-Institution The Kitchen, meint mit Blick auf die amerikanische Geschichte, Krisen hätten noch nie geschadet. Und Adam Szymczyk, Direktor der Kunsthalle Basel, will auch noch keinen Künstler getroffen haben, der unter der Krise leidet. All das ist in „Creamier“ nachzulesen. Tatsächlich aber bildet die Publikation auch eine veränderte Kunstwelt ab. Die Zentren haben sich verschoben. Los Angeles – und Südamerika – scheinen etwa New York den Rang abzulaufen. Orte wie Kairo werden neu auf der Karte verzeichnet. China hingegen ist, wider aller Erwartungen, hier kaum vertreten. Und bei den Künstlern selbst? Mit Paul Chan, Nathalie Djurberg, Josephine Meckseper oder Spartacus Chetwynd werden vertraute Namen genannt. Hauptsächlich aber, und das macht dieses Buch spannend, weniger bekannte. Tirdad Zolghadr trifft mit der Jackson Pollock Bar, einer Gruppe aus Freiburg, die Gespräche zwischen Künstlern und Theoretikern nachinszeniert, vielleicht die eigenwilligste Wahl. Insgesamt aber ist diese Publikation für jeden, der sich in das Who‘s Who der nachrückenden Künstler einüben will, ein Muss.

Dagegen belegt das Buch „Die Kunst der Gegenwart, 1960 bis heute“ wieder einmal, dass das Einüben theoretischer Progressivität und die Bereitschaft, diese auch in der Praxis anzuwenden, zwei Paar Schuhe sein können. Philip Ursprung, Professor für moderne und zeitgenössische Kunst an der Universität Zürich, bezieht sich in seiner Kunstgeschichte auf Michael Hardts und Antonio Negris aufsehenerregende Publikation „Empire“ (2000), die eine neue, durch die Globalisierung bedingte Weltordnung beschreibt. Doch warum Ursprung gerade Hardt/Negri anruft, bleibt rätselhaft. Denn ihre Beobachtungen und Thesen finden nirgendwo einen Niederschlag. Von einer globalisierten Sicht kann bei diesem in der Schweiz lebenden US-Amerikaner erst recht keine Rede sein. Stattdessen wird die alte US-amerikanische Erfolgsgeschichte weiter kolportiert, ohne sie durch andere Diskurse zu erweitern. Künstler etwa aus Mexiko, dem osteuropäischen oder asiatischen Raum kommen nicht vor. Dabei gehört gerade ihr Eintritt in den Kunstbetrieb westlichen Zuschnitts zu den größten Herausforderungen einer zeitgenössischen Kunst, wie sie Ursprung versteht und definiert. Dafür sieht er, theoretisch, das Performative als die bedeutendste Verschiebung innerhalb der Kunst. Doch wo in seinem Buch kommen Performance, Video oder Film vor? Höchstens bei Vanessa Beecroft, für die er auf erstaunliche Weise noch einmal Hardt/Negri bemüht. Beecrofts Performances nämlich könnten auch als Angst „der Industrienationen vor Arbeitslosigkeit und ökonomischem Kollaps wie auch der Angst vor dem Aufstand einer Multitude“ gelesen werden. Trotzdem ist man froh, dass in einer Abhandlung über zeitgenössische Kunst, die weder Louise Bourgeois noch Rosemarie Trockel oder Isa Genzken erwähnt, überhaupt eine Künstlerin vorkommt. Dann aber schlägt das Staunen in Ärger um. Nein, vor diesem Buch kann man nur warnen.

Nackte Fotomodelle, die auf hohen Absätzen für den Aufstand einer Multitude stehen oder alltägliche Materialität, in der sich die neoliberale Konsumideologie spiegelt – wie es der Katalog der jüngsten Berlin Biennale verkündet – genau gegen solche Vereinnahmungen zeitgenössischer Kunst wendet sich das neue Buch von Jacques Rancière. Mit „Der emanzipierte Zuschauer“ wird dieser engagierte Denker viele, die für eine politische Kunst eintreten, enttäuschen. Denn Rancière benennt ein Paradox: Indem eine politische Kunst eindeutige, pädagogisch abgefederte Aussagen anstrebt, läuft sie ihrem eigentlichen emanzipatorischen Anliegen zuwider. Politische Kunst, so Rancière, zwinge dem Betrachter eine bestimmte Offensichtlichkeit, eine Eindeutigkeit auf. Dabei könne jede Situation „in ihrem Inneren gespalten werden und unter einer anderen Wahrnehmungs- und Bedeutungsanordnung neu gestaltet werden.“ Den Ursprung dieses Beharrens auf Offensichtlichkeit, die einen durch Konsum irritierten Betrachter leiten soll, ortet Rancière im 19. Jahrhundert. Damals, so seine Analyse, fühlte sich die Bourgeoisie durch ein Volk bedroht, das – durch die Möglichkeit des Konsums angeregt – sich zu emanzipieren begann. „Die Anklage der lügnerischen Verführungen der ‚Konsumgesellschaft‘ wurde zuerst von diesen Eliten erhoben, die entsetzt waren über die zwei zeitgleichen Zwillingsgestalten des Experimentierens mit neuen Lebensformen: Emma Bovary und die internationale Arbeiterbewegung.“ Als Alternative tritt Rancière für die Fiktion ein, die seiner Meinung nach fälschlicherweise gegen die Wirklichkeit ausgespielt wurde. Die Fiktion stelle, „indem sie die Rahmen, die Maßstäbe oder die Rhythmen ändert“, neue Verhältnisse zwischen der Erscheinung und der Wirklichkeit als Voraussetzung jeder Emanzipation her. An diesem Punkt spricht Rancière von ästhetischer Wirksamkeit: Denn „Bilder der Kunst liefern nicht Bilder für den Kampf. Sie tragen dazu bei, neue Gestaltungen des Sichtbaren, des Sagbaren und des Denkbaren zu entwerfen. Aber sie können das nur, wenn sie weder ihre Bedeutung noch ihre Wirkung vorwegnehmen.“ Nun ist Rancière nicht der erste Denker, der für die Fiktion, für die Erzählung als Alternative zu den vermeintlich korrekten Beschreibungsmodellen eintritt. Aber er tut gut daran, an das emanzipatorische Potenzial der Fiktion gerade im Bereich der Kunst zu erinnern. Ein durch und durch lesenswertes Buch.

Creamier - Contemporary Art in Culture. 10 Curators, 100 Contemporary Artists, Phaidon Press, London 2010, 700 Farbabbildungen, Englisch, ISBN: 978-0714856834, EUR 39,95

Philip Ursprung: Die Kunst der Gegenwart,1960 bis heute, C.H. Beck Verlag, München 2010, 128 Seiten, Deutsch, ISBN: 978-3406591112, EUR 8,95

Jacques Rancière: Der emanzipierte Zuschauer, Passagen Verlag, Wien 2009, 167 Seiten, Deutsch, ISBN: 978-3851657951, EUR 19,90


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