Douglas Gordon im Frankfurter MMK

Alles in Ordnung

Jörg Scheller
13. Dezember 2011

Douglas Gordon – Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main. Vom 19. November 2011 bis 25. März 2012

Ein Film müsse einen Anfang haben, eine Mitte und einen Schluss – aber nicht zwingend in dieser Reihenfolge, meinte einst Jean-Luc Godard. Douglas Gordon sieht die Sache ein bisschen anders. Der 1966 in Glasgow geborene, mit so ziemlich jedem wichtigen Kunstpreis dekorierte Medienkünstler schätzt Klarheit und Ordnung: „Ich brauche eine Struktur, das ist für mich unabdingbar“, konstatiert er in einem Gespräch, das im Katalog zu seiner umfassenden Ausstellung im Frankfurter Museum für Moderne Kunst (MMK) abgedruckt ist.

Von dieser Vorliebe für Strukturen zeugt auch sein berühmter Film Zidane: A 21st Century Portrait (2006, mit Philippe Parreno), in dem er den Fußballstar Zinédine Zidane bei einem WM-Spiel über die gesamte Spielzeit mit 17 Kameras filmte: ein überschaubares Feld, eine beschränkte Zeitspanne, eine einzelne auratische Figur, eine fest installierte Technik, dazu die so geordnete wie zugleich pathetische Instrumentalmusik der Postrock-Gruppe Mogwai, die ebenfalls aus Glasgow stammt.

Im MMK ist Zidane erstmals auf 18 im Raum verteilten Monitoren zu sehen, sodass die Abfolge der kompilierten Filmbilder gleichzeitig aufgefächert wird. Im Gegensatz zu Harun Farockis documenta-erprobter Videoinstallation Deep Play (2007) geht es Gordon aber nicht um Ideologiekritik, die die Mechanismen und Manipulationen hinter den spektakulären Bildern enttarnt. Zidane ist, allen ästhetischen Qualitäten und bildtechnischen Innovationen zum Trotz, durchaus ein Beispiel für künstlerisch verbrämten Personenkult.

Die typischen Laut-Leise-Wechsel der Band Mogwai spiegeln dabei gleichsam Gordons Hang zum Prinzip „Diptychon“ im weitesten Sinne, denn viele seiner Videoinstallationen haben zwei Projektionsflächen. Von denen ist im MMK unter anderem Henry Rebel (2011) zu sehen: Eine Auftragsarbeit für James Franco, der mehrere Künstler bat, Szenen aus Nicholas Rays Rebel Without a Cause (1955) neu zu inszenieren. Gordon kam der Bitte nach, indem er den Schauspieler Henry Hopper, Sohn von Dennis Hopper, die explizite Gewalt des Films auf eine subtilere autoaggressive Ebene transformieren hieß. Hopper ringt in seiner Performance im wahrsten Sinne des Wortes mit sich selbst – zitternd, schreiend, seine Haut mit roten Buntstiften bemalend.

Auch Gordons jüngste Arbeit kommt in Form einer zweifachen Videoprojektion daher. k.364 (2011) dokumentiert die Reise der Musiker Avri Levitan und Roi Shiloah, die im polnischen Posen Mozarts Sinfonia concertante für Violine und Viola aufführen. Das Konzert hat Gordon mit vielen Close-ups aufgezeichnet. In Last but not least spielt die Zweiheit auch bildimmanent eine Rolle. So zeigt ein Foto Gordons Unterarme, einer glatt rasiert, der andere behaart. Auf den haarlosen Arm hat der Künstler „“always“tätowieren lassen, auf den behaarten „forever“. Folgt man der Argumentation des Kunstwissenschaftlers Wolfgang Ullrich, so passt Gordons Liebe zur Zweiheit durchaus zu seiner betont unprätentiösen Art: Ein Diptychon, so Ullrich, stelle es dem Betrachter frei, Zusammenhänge zwischen den beiden Teilen herzustellen, während das Triptychon stets ein Zentrum herausbilde, dem die jeweiligen Außenseiten untergeordnet würden. Genau dieses Zentrum meidet Gordon.

Dabei gibt sich Gordon als bodenständiger und tendenziell apolitischer Künstlerforscher mit Alltags- und Sportaffinität aus. Zwar kann auch sein Werk mit den gängigen Theorie-Imprägnierungen wetterfest gemacht werden, im Grunde aber basiert es auf simplen, intuitiven Konzepten und Techniken. Dazu passt, dass Gordon über vier Wände sein piktorales Tagebuch Straight to Hell (2011) mit zahlreichen Bildern und Texten inszeniert: Der „Playboy“, „Der Wachturm“ der Zeugen Jehovas, die Nazi-Illustrierte „Adler“ aus den 1940er-Jahren, persönliche Briefe, Urlaubsfotos, Urkunden, Selbstporträts und Reproduktionen kunsthistorischer Klassiker befinden sich in nächster Nachbarschaft zueinander, in Anlehnung an Aby Warburgs Mnemosyne-Atlas oder Tracey Emins Confessional Art. Doch Gordons Werk illustriert auf einfache, aber überzeugende Weise, was Kunstforschung bestenfalls sein kann: eine Methode, bei der kontrollierte Versuchsanordnungen ihr eigene Methodologie anschaulich machen, statt sie von anderen Disziplinen zu übernehmen. Das Individuum, so könnte man den Subtext von Gordons Bildern deuten, ist nichts ohne die Struktur, die es sich selbst gibt.

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