„Giuseppe Penone“
bei
Buchmann Galerie
Ölzweig aus Bronze
von Gerrit Gohlke und Astrid Mania
Gallery Weekend Berlin
38 PReviews,
1. - 3. MAI 2009
Die Kunst ist eine freundliche alte Dame und leidet an Gedächtnisschwund. Sie kann sich an schöne Formen erinnern und blickt liebevoll auf abgeschlossene Epochen zurück. Dabei vergisst sie gern, wie viele ihrer Werke aus Aufruhr, Chaos und Erregung entstanden sind. Die Arte Povera zum Beispiel war Radikalität für Radikale, Angriff aufs Establishment. Seltsam, dass sie schneller als etwa der Minimalismus gealtert ist. Giuseppe Penone ist ein Beispiel dafür. Ein Urgestein der Bewegung, reizte er die potenzielle Assoziationskraft der Materialien aus. Leitmotiv ist das Verhältnis von Mensch und Natur. Aus heutiger Sicht wirkt sein Œuvre wie solide-vertrautes Kunst-Handwerk. Ein Aufbruch, zwischen Katalogdeckeln begraben.
In der Ausstellung kann man das sehen. Da stehen karge, Bronze gewordene Äste mit materiellen Objektapplikationen, ein schratiger, borkig-metallener Baumstamm, da ist eine Wandzeichnung aufgetragen, deren Struktur an Jahresringe erinnert. Penone war wohl nie so radikal wie viele seiner Wegbegleiter – er hat die traditionelle Ikonografie nie ganz aufgegeben. Vielleicht deswegen erlebt man diese Kunst vor allem nach kompositorischen Kriterien, woran die Ausstellungseinrichtung ihren Anteil hat. Zum Beispiel, wenn die Sichtachsen der Objektgruppe Proiezione (2000) mit der diskret den Raum dominierenden, filigranen Wandzeichnung harmonieren. Hier zeigt sich, wie der Künstler Assoziationsauslöser anlegt. Zentraler Ausgangspunkt der Arbeit ist ein Fingerabdruck, der sich organisch in den Querschnitt eines gewaltigen Baumstamms transformiert. Unermüdlich dekliniert der Künstler so seine Einsichten über Werden und Vergehen in den Zyklen der Natur.
Am Ende ist das auch ein Wahrnehmungsspiel. Was wie Holz aussieht, ist in Wahrheit Metall. Nichts ist, was es vorgibt zu sein. So geht Penone weit über ein Zurschaustellen oder ein zur Disposition Stellen der Materialien hinaus. Er mag in der Arte Povera verwurzelt sein, doch Form und Material sind niemals nur Selbstzweck. Er lenkt, auch über die Verblüffung im Moment der Enttäuschung, den Blick von der Künstlichkeit auf das Natürliche. Fast schon altmodisch, angesichts aktueller ökologisch motivierter Arbeiten, wie er auf der Eingebundenheit des Menschen in seine Umwelt insistiert. Schaut auf die Natur!, scheint er zu sagen. Damit wirkt er ein wenig wie der einsame Rufer im Wald.
Und das ist eben die Crux dieser in die Jahre gekommenen Kunst: Die Koalitionen mit außerparlamentarischen Denk- und Arbeitsansätzen seit den Sechzigerjahren sind heute reine Erinnerung. Im etablierten Hochpreissegment angekommen, steht dieser von leichten Wonneschauern begleitete atmosphärische Reiz diametral zu den einst überzeugt linken Wurzeln.
„Giuseppe Penone“ – Buchmann Galerie, Berlin. Vom 1. Mai bis 27. Juni 2009
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