„Carol Rama“
bei
Isabella Bortolozzi
Schlange im Schritt
von Dominikus Müller
Gallery Weekend Berlin
38 PReviews,
1. - 3. MAI 2009
Carol Ramas erste Ausstellung wurde von der Polizei geschlossen. Sodomitischer Sex, Frauen mit Schlangen zwischen den Beinen und masturbierende Männer sind, selbst in Bildform, im katholischen Italien eine eher heikle Angelegenheit – besonders, wenn man das Jahr 1945 schreibt. Denn Carol Rama ist 1918 geboren. Ihre erste Einzelausstellung in Berlin kommt spät, kann aber aus dem Vollen schöpfen. 60 Jahre Produktion machen aus dem Werk fast eine Jahrhundertchronik. In der geht es aber nicht um eine einzelne Biografie, sondern um ein Selbstbestimmungsmodell, tough und protofeministisch. Manches sexuelle Rollenspiel der 1990er-Jahre wird ganz blass neben dieser Kunst, in der jeder Tabubruch eine persönliche Befreiungsbewegung war.
Vor dem Hintergrund dieses Programms erübrigt sich manche Bemühung um geschichtsfeste Werkkategorien. Ramas Arbeiten reichen von jenen sexuell expliziten Bildern der 1940er-Jahre, die ihre unerhörte symbolische Direktheit auch noch mit einem kindlich-naiven Mal- und Zeichenstil konterkarierten, über Objekte, die von der Arte Povera beeinflusst sind, bis zu abstrakter Malerei und den sogenannten „Bricolagen“ – Objekt-Collagen, mit Zigarettenkippen oder Puppenaugen. Carol Rama hat den Stil oft und radikal gewechselt. Seit den 1970er-Jahren verwendete sie zudem häufig Fahrradschläuche, die sie auf ihren Bildern aufspannte oder zu Objekten drapierte. Ein klarer Verweis auf die eigene Biografie: Ihr Vater war als Fahrradfabrikant pleitegegangenen.
Doch vielleicht ist diese Anlage zur Arbeit mit der eigenen Geschichte auch der Schlüssel zum Geheimnis des späten Erfolgs jener starken, älteren Künstlerinnen, zu denen Rama zweifellos genauso gezählt werden muss wie Louise Bourgeois. Für Frauen dieser Generation war Kunst eine Gegenwelt. Autonomie war beileibe kein reaktionäres Schlagwort aus einem untergegangenen Idealismus. Autonomie war Tagesgeschäft. Ein Leben zu führen, das nicht mehr vom Vater oder Gatten diktiert wird, war ein biografisch-ästhetisches Konzept. Auch hier war Kunst einmal Avantgarde, Freiheitsrefugium, und zwar nicht als Reservat, sondern als Modell für andere. So wurde Kunst zum biografischen Spiegel, auf dem sich das Ringen mit der eigenen Rolle reflektieren ließ. Insofern lassen sich Kunst und Leben dann wirklich schwerlich trennen.
„Carol Rama“ – Isabella Bortolozzi, Berlin. Vom 2. Mai bis 20. Juni 2009
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