„Carsten Höller“
bei
Esther Schipper
Geometrisches Niemandsland
von Gerrit Gohlke
Gallery Weekend Berlin
38 PReviews,
1. - 3. MAI 2009
Wissenschaftler sind seltsame Menschen. Sie glauben, die Unterscheidung von Singvögeln nach Größe und Wuchs oder dem Grad ihrer Gesangsfertigkeit sei ein Daseinszweck. Unser Wissen hängt an dem seidenen Faden, den solcher Glauben knüpft. Stößt man die Kunst mit dieser Welt des Glaubens an Kategorien und Prinzipien zusammen, erleidet die Kunst zumeist ein vorhersehbares Versagen. Die faktische Welt sieht greifbarer aus als die Kommentare der Kunst. Seit Jahren ist Carsten Höller ein Experte dieser Konfrontation. Er verführt mit Simulationen realer Erfahrung zur Distanz gegenüber der Kunst. Seine Kunst bringt uns mit eingebauter Unkünstlichkeit aus dem Takt. Wenn er nun in der Galerie ein monumentales Mobile aus Volieren von der Decke hängen lässt, vereinfacht er sein Modell und spitzt es gleichzeitig zu. Die Kunst betreibt an der Natur Freiheitsberaubung. Wichtiger aber ist, dass die Kunst selbst um sich herum Grenzen errichtet. Der ehemalige Wissenschaftler Höller ist ein Turner an diesen Barrieren.
Auf diesem Weg ist die Galerie Esther Schipper immerhin zum ornithologischen Zentrum des Berliner Ausstellungsbetriebs geworden. Das Personal hat den Dialog mit Koryphäen der Berliner Kanarienvogelzucht vertieft und mit größter Akkuratesse Höllers Gesangskanarienmobile (2009) als große, eiserne Waage an der Decke verzurrt. Der Besucher wird mit den variierenden Dialekten unterschiedlicher Gesangskanarien konfrontiert. Die Installation ist nicht nur Skulptur, sondern auch Instrument. Sie ist ein Apparat „zur Messung der Schwere des Gesangs“, wie es heißt. Zugleich ist sie in den magentafarbenen Raum mit seinem Atelieroberlicht wie in ein Orangerie-Kabinett eingefasst. Sie ist eine Wunderkammer, in der keine Wunder geschehen. Sie ist ein Raum nach Maß und Zahl.
Denn es geht hier nicht um Vögel, so absonderlich (und hässlich) einzelne Kanarienarten dem Laien auch erscheinen könnten. Es geht um die Organisation eines großen formalen Gerüsts um einige Tiere herum. Es geht um die Geometrie der Teilung, die in Tafelbildern an den Wänden wie eine mathematische Meditationsübung umgesetzt ist. Es geht um die Winkel des Trägergestänges, an dem die Käfige schweben. Höllers Kunst argumentiert von der Grenze her. Diesmal gleicht sie trotz der Pilzarbeiten und Grafiken in den Nebengemächern einer Gruft. Sie hat sich matt gesetzt, bei vollem Bewusstsein, sie hat sich in ein Gleichgewicht aufgehoben, in dem weder die Kunst, noch der Besucher als lebendig gelten können. Nur die Kanarienvögel vielleicht. Auch zu ihnen aber, wie zu uns, hat die Kunst den Kontakt abgebrochen.
„Carsten Höller“ – Esther Schipper, Berlin. Vom 2. Mai bis 20. Juni 2009
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