„Michael Schmidt“
bei
Galerie Nordenhake
Geahnte Stadt
von Eric Aichinger
Gallery Weekend Berlin
38 PReviews,
1. - 3. MAI 2009
Nanu? Haben wir uns verirrt? In ein Dokumentationszentrum zur Berliner Stadthistorie? Nein, wir stehen inmitten einer Ausstellung von Michael Schmidt. Sind umgeben von einem Werk, das über viele Jahre hinweg den fotografischen – und höchst persönlichen – Blick auf das Werden und den Wandel der Stadt gerichtet hat. Der Eindruck, in einer Infobox zu stehen, irgendwo am Verlauf der früheren Mauer, weicht immer mehr. Zu komponiert, zu „künstlerisch“ scheinen die Bilder. Nicht an den historischen Tatsachen interessiert, sondern am Eindruck, der Atmosphäre, an dem, was hinter dem Bild liegt, an etwas, das wie eine Haltung wirkt, ein habitualisierter Blick auf die Welt. An irgendetwas erinnert man sich. War man nicht auch mal so? Anders als dieses unsichere Gefühl verändern die Bilder sich nicht.
Eine historische Leistung ist das trotzdem. Kaum ein anderer Fotograf hat wie Michael Schmidt die Geschichte und das Geschichtsbewusstsein seiner Heimatstadt als Form der Gegenwartsbetrachtung festgehalten. Schon in den 1970er-Jahren zieht der Autodidakt mit der Kamera durch das damalige West-Berlin. Findet sein nüchterner Blick Ausdruck in zunehmend subjektiven Schwarz-Weiß-Fotografien. Unter dem militarisierenden Titel „Waffenruhe“ (1985-87) entstehen Aufnahmen, die durch extreme Ausschnitte, markante Schärfe-Unschärfe-Relationen und Hell-Dunkel-Kontraste geprägt sind. Punk am Weddinger Küchentisch. Hier steht nicht mehr die kühle Fixierung von Brachen und Baulücken als Embleme von Geschichte im Fokus, sondern die emotionale Komposition innerer Bilder, die von äußeren Gegebenheiten verursacht werden. Aufnahmen von Un-Orten entlang der Mauer, von urbaner Verwilderung und architektonischen Strukturen werden mit Porträts von desillusionierten Jugendlichen, zuweilen aus dem eigenen Familienkreis, und Momentaufnahmen von Beiläufigem und Flüchtigem zu einem düsteren, beengenden Assoziationsraum verbunden.
Die bildhafte Gedankenverknüpfung ist überhaupt ein wesentlicher Aspekt von Schmidts ästhetischer Strategie. Dem Einzelbild misst er keine festgelegte, sondern eine variable Bedeutung bei. So greift er in seinen Arbeiten immer wieder auf das eigene Bildarchiv zurück und unterwirft auch seine früheren Werke einer steten Neubestimmung, indem er sie zu immer anderen assoziativen Einheiten arrangiert. Die Berliner Schau führt vor Augen, dass das unsichtbare, nur geahnte Bild, das sich zwischen mehrere, zueinander in Beziehung gesetzte Bilder schiebt, eine eigene Wirklichkeit in der Fotografie repräsentiert. Vielleicht liegt hier die Veränderlichkeit verborgen, die sich Schmidts Werke selbst nicht zuzugestehen scheinen.
Michael Schmidt: „Fotografie“ – Galerie Nordenhake, Berlin. Vom 2. Mai bis 20. Juni 2009
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