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„Simon Starling“ bei
neugerriemschneider


Gescheiterte Kräfteverstärkung

von Gerrit Gohlke

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Gallery Weekend Berlin

38 PReviews, 1. - 3. MAI 2009

Zwischen 1901 und 1904 hatte Picasso seine blaue Periode. Simon Starling hat gerade seine Flaschenzug-Periode. In der Temporären Kunsthalle hatte er sich selbst und den Ast einer Berliner Linde mit einem Flaschenzug zur Decke gehievt. Nun lässt Starling zwei Marmorblöcke schweben, was die Galerie als „überraschenden Balanceakt“ beschreibt. Dass ein dickerer chinesischer Marmorblock von einem kleineren italienischen Marmorblock knapp eineinhalb Meter über dem Boden in der Waage gehalten wird, ist zwar ein schöner Beweis für die wohltätige Wirkung der Seiltransmission. Überraschen kann es nicht. Ebenso falsch ist, dass dieser Seilakt ferne Orte und Ökonomien verbinde. Zu sehen ist nur ein Bild mit einer zu einfachen Rezeptur.

Oder liegt das am Ausstellungsort? Wären zwei schwebende Steine schöner, wenn man sie als Herausforderung des Schicksals über den Bürotisch oder das heimische Kinderbett hängte? Als Edition für den Endanwender hätte ein Rohmarmor-Mobile (The Long Ton, 2009) seinen Reiz. Als Kunstwerk ist es das Symptom eines Betriebs, der seine Interpretationsmaschinerie feiner ausgebildet hat als die Fähigkeit zur Selbstkritik. Wäre es umgekehrt, müsste man über Starlings metaphorische Kraftübertragung lachen. So viele Details, so wenig Substanz. Der eine Tonne schwere, große Block ist Billigware aus China. Zum gleichen Preis hat der Künstler luxuriösen Edelmarmor in Carrara geordert. Wegen des höheren Kilopreises erhielt er einen kleineren Block, der nur ein Viertel des Gewichts seines proletarischen chinesischen Bruders auf die Waage bringt, allerdings haarscharf nach dessen gescannten Ebenbild gefräst ist. Eine maßstäbliche Verkleinerung also, die nur vom Hebelgesetz auf Augenhöhe mit dem Fernostimport gehalten wird.

Was lernen wir daraus? Dass Weltmarktpreise sich in Kilo rechnen lassen? Dass Skulpturen aus Rohstoffen gemacht werden? Dass Sinnbilder dem Betrachter auf den Fuß fallen können? Oder sollen wir Starling zugestehen, dass er keine Allegorien baut, sondern schon immer ein Meister des Bilderduells war, dass er Situationen inszeniert, in denen Schauplätze und das künstlerische Inventar geradezu beängstigende Konflikte eingehen können? Starling hat Witz. Er inszeniert Grotesken, die im Nachhinein nicht erfunden wirken, sondern nur aus den Deckschichten der Realität freigelegt scheinen. Starling ist ein Archäologe des schwelenden Konflikts, ein überzeugender Künstler, ein Könner auch. Warum also macht er die Galerie zum Billigheim einer halben Idee? Weil der Betrieb nimmt, was man ihm vorwirft. Weil er Genies verkauft, statt Tacheles zu reden. Weil der Besucher seinen Augen nicht traut. Vielleicht löst sich im entscheidenden Moment das Seil.

„Simon Starling“ – neugerriemschneider, Berlin. Vom 2. Mai bis 27. Juni 2009


Gallery Weekend Berlin 2009 - Teil I
Fotos von Nick Ash
Statt Pathos und Ehrfurcht verbreitete die Neue Nationalgalerie Strandbar-Atmosphäre. Das Gallery Weekend Berlin wollte den Kunst-Clan zur Entspannung verführen.

Gallery Weekend Berlin 2009 - Teil II
Fotos von Nick Ash
Michael Neff hat nach dem Berliner Gallery Weekend auch das Berliner Gallery-Weekend-Gala-Dinner neu erfunden. Als Tiki-Bar.

Vernetzte Nabelschau von Dominkus Müller
Rund um das Gallery Weekend Berlin wird so mancher vor Ort aktiv. So schlossen sich sieben junge Galerien der Stadt mit auswärtigen Gästen zu dem eintägigen Projekt „7x2“ zusammen.


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