„Mircea Cantor“
bei
Johnen Galerie
Geschmeidiges Motorenöl
von Dominikus Müller
Gallery Weekend Berlin
38 PReviews,
1. - 3. MAI 2009
Ein Polizeiauto, dessen Sirene im Innern ist? Ein mit Öl gefüllter, umgedrehter Cowboyhut? Willkommen in der Welt von Mircea Cantor! Hier steht vieles Kopf und wird dabei reichlich deutlich und direkt. Der Hut als Golfkriegsmetapher? Der Grat zwischen mehrdeutigem Existenzialismus und politischer Botschaft ist schmal. Was diese Ausstellung gerade noch davor bewahrt, in Plattitüden abzudriften, ist nur die Extra-Portion Humor. Etwa wenn ein mannshohes Räucherstäbchen als Lebenslicht vor der Galerietür aufgestellt wird. Das kann man als ironischen Esoterikkommentar deuten, aber auch als Rauchopfer für die Kunst. Ob man sich wirklich ernsthaft für eine Bedeutung entscheiden will, ist eine offene Frage an das Temperament des Betrachters.
Denn ob Cantor hier wirklich das Ende aller Esoterik herbeisehnt, den Besucher mit einem Memento mori begrüßt oder gar das Ende des Kunstbooms kommentieren will – so richtig deutlich macht er das nicht. Und ist der Stetson-Hut wirklich eindeutiger? Talking Mirror heißt die Arbeit, und tatsächlich ist die Oberfläche des hineingegossenen Motorenöls so glatt, dass man sich darin spiegeln kann. Also doch eher eine lange Nase für den reichen Sammler, der mal mit Kunst und mal mit Rohstoffen spekuliert? Oder eine Slapstick-Requisite, würde sich jemand nichts ahnend den Hut auf den Kopf ziehen? All das ist denkbar neben den platt-politischen Assoziationen einer Verstrickung der ehemaligen US-Regierung in lukrative Öl-Geschäfte im Irak.
Am Ende ist die richtige Lösung egal, wenn man Cantor nicht einen Vorschuss an gutem Willen gibt. Denn irgendwie schrammen seine Arbeiten immer haarscharf an der Eindeutigkeit vorbei. So auch der 16-minütige Film The leash of the dog, it was longer than his life. In Großaufnahme folgt die Kamera der scheinbar endlosen Kette eines Hundes, der zwar nicht an der „kurzen Leine“ gehalten wird, aber eben am Gängelband gefangen ist. Mag man das auch als Metapher für die beiläufig wirksamen Restriktionsmechanismen des Spätkapitalismus deuten – neu wäre diese Einsicht noch lange nicht. Aha-Erlebnisse bleiben hier aus. Am Ende ist der Film eher ein unbeabsichtigtes Sinnbild für das Verhältnis zwischen dem Künstler und seinem Betrachter in dieser Ausstellung. Die interpretatorische Freiheit wird suggeriert, doch der Künstler zerrt im passenden Moment an der Leine.
Mircea Cantor: „preventative kiss for suspicious war“ – Johnen Galerie, Berlin. Vom 1. Mai bis 13. Juni 2009
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