„Franz Gertsch“
bei
Galerie Haas & Fuchs
Schutzfolie der Langsamkeit
von Anne Haun
Gallery Weekend Berlin
38 PReviews,
1. - 3. MAI 2009
Eigentlich sind Franz Gertsch Werke Kinobildern ähnlicher als Gemälden oder Grafiken in herkömmlichem Sinn. Gertsch setzt alles auf die Karte illusionistischer Präsenz. Kerbe für Kerbe verdichten seine Holzschnitte die unzähligen lichtdurchwirkten Farbpunkte zu kristallin-monochromen Flächen von ungeheurer Energie. Dabei geht es ums Sehen, nicht um künstlerische Tricks. Es entsteht ein Raster ähnlich dem Zeitungsdruck, das uns wie ein Filter die eigene Wahrnehmung ins Bewusstsein rückt. Nahsicht, Vergrößerung – Gertsch tut alles, um seinen Porträts zeitlose Würde zu verleihen. Das stellt sich dem Starkult als Widerstandsakt in den Weg. So soll ein mikroskopisch angelegter Läuterungsprozess den Bildern die Selbstverständlichkeit austreiben.
Damit wird den Werken freilich viel zugetraut. Ohne das Gras wachsen zu hören, ist es schwer, sich bei einer derart kontemplativen Konzentration auf die jeweilige Wesenhaftigkeit naturhafter Erscheinung eines gewissen Idyllenverdachts zu entledigen. Alles scheint wieder auf Anfang gestellt: Mensch und Natur in harmonischer Koexistenz. Die spirituelle Metaphorik und morphologische Ähnlichkeit der naturalisierten Bildstrukturen lässt die kunsthistorische Referenz von Dürer bis Blossfeldt wie ein geheimes Wasserzeichen durch den Bildgrund scheinen. Die monochrome Hell-Dunkel-Färbung legt sich einem Schleier des Vergessens gleich über die Gesichtslandschaften und Naturportraits. Es ist, als sollten die Bilder emotional aufgeladen werden, als werde ein sentimentaler Aggregatzustand direkt in Malerei umgesetzt.
So wird der Schleier über den Bildern zur Schutzfolie gegen den zu schnellen, zu medialen Blick. Gertsch schält den pedantischen Produktionsprozess, Punkt für Punkt, als ein Abbild der investierten Zeit aus der motivischen Projektionsfläche heraus. Die Zeit, das Gefühl stecken im Bild. Aber ist das mehr als eine neue, andere, vom Maler nach seinen Vorstellungen und Präferenzen gestiftete Illusion? Dennoch, Zeit ist ein Faktor. In der Entdeckung der Langsamkeit entpuppt sich die eigentliche Radikalität dieser Holzschnitte. Franz Gertsch reaktiviert das längst für obsolet erklärte „Meisterwerk“ als akribischen Schöpfungsakt mit diskursiver Absicherung ohne Realitätsgewicht und versenkt es im Detail. Man entkommt ihm nicht, mag man sich noch so sträuben. Die Falle der Illusion verlangt nach einem Opfer.
„Franz Gertsch“ – Galerie Haas & Fuchs, Berlin. Vom 1. Mai bis 20. Juni 2009
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