„Benoit Maire“
bei
Croy Nielsen
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von Thea Herold
Gallery Weekend Berlin
38 PReviews,
1. - 3. MAI 2009
Es gibt Kunst, der wünscht man den bösen Blick. Dann könnte sie Kritiker töten und Anleger vernichten oder die vielen falschen Propheten in fluorjodierte Salzsäulen verwandeln. Das Alte Testament und die Mythen sind voll von sagenhaften Augenblicken, in dem der Sehende das Gesehene nicht nur aufnimmt, sondern sich im Sehen verändert. So wäre der Blick der Medusa der Prototyp künstlerischer Zweiwegekommunikation, und sie steht auch nicht zufällig im Mittelpunkt der Arbeit Benoît Maires. Dabei geht es nicht nur um Sagen. Im klassischen Repertoire der Kunstgeschichte und ihren wirkungsmächtigen Gemälden findet er überraschende, neue Bilder und provisorische Versuchsanordnungen für Kunst, die man nicht nur sehen kann, sondern die den Sehenden fixiert.
Zum Beispiel die beiden Stühle. Sie stammen vom Flohmarkt und stehen einfach so rum, einander gegenüber. Manchmal, wenn der Künstler in der Galerie ist, setzt er sich dorthin. Gesellt sich dann noch ein Besucher zu ihm, greift Maire nach einem Buch – über die Geschichte der Medusa – und beginnt, auf dessen Seiten zu zeichnen. Er fixiert sein Vis-à-vis und vollendet ein Portrait, ohne den Blick je auf das Blatt zu richten. „Drawing attention“ nennt er das. Es geht um Aufmerksamkeit, nicht um das Resultat, schon gar nicht um einen Abgleich mit der Wirklichkeit. Denn auch ohne die Anwesenheit des Künstlers, ohne die performance-artige Aktion suggeriert die Installation einen intensiven Dialog, ein gegenseitiges Beschauen.
Der Blick, er ist überall. Er durchzieht thematisch alle Werke, seien es Siebdrucke, Sprachstücke mit Beckett-Anlehnung, Fotos, Collagen, Installationen, Skulpturen oder Gemälde. Das Sehen – ein magisches Rätsel. Fatal, im Fall der Medusa. Steinerne Köpfe, mit den Gesichtszügen griechischer Männer, finden sich auf den Siebdrucken, bezeichnenderweise auf Metallblechen. Die zweiteilige Arbeit Tête de Méduse (2008) ist wiederum ein Arrangement der optischen Zwiesprache. Hier bronzene Kopfform, dort abstraktes Gemälde: das verspiegelte Schild des Perseus, auf dem das Antlitz der Gorgonentochter in wildgestischen Farbschwüngen festgehalten ist. Der todbringende Blick der Medusa hat sich gegen sich selbst gerichtet. Nur die erste Codierung des Bildes ist abstrakt. Dann lassen sich in den grünweißen Farbschlieren Spuren eines Gesichts erahnen. Jedes Kind kennt das: Punkt, Punkt, Komma, Strich. Der Merkreim als Erkenntnistheorie. So simpel und einprägsam funktioniert auch die Bildsprache von Maire.
„Benoît Maire“ – Croy Nielsen, Berlin. Vom 1. Mai bis 13. Juni 2009
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