Gallery Weekend Berlin 2008
Scharren am Zaun
Tomas Schmit in der Galerie Barbara Wien, Berlin
Thea Herold /
2. Mai 2008
Tomas Schmit in der Galerie Barbara Wien, Berlin - artnet Magazin
Tomas Schmit – „13 Montagsgespräche/Zeichnungen/Text/Filme“ in der Galerie Barbara Wien, Berlin. Vom 2. Mai bis zum 20. August 2008
Bildende Kunst wird nicht fürs Be-schreiben gemacht, sondern vor allem fürs Be-sehen. Doch hat sich der Ausnahmekünstler Tomas Schmit (1943-2006) zeitlebens an keine einzige Bauernregel des Kunstmarkts gehalten. Seine „Ausstellung zum Buch“ ist ein Beweis dafür. Die Berliner Galeristin und Verlegerin Barbara Wien hat die Kausalkette „Zur Ausstellung erscheint ein Katalog“ verdreht und eine Ausstellung zum Buch organisiert: „13 Montagsgespräche“ findet anlässlich der gleichnamigen Publikation von Tomas Schmit und Wilma Lukatsch statt. Der außergewöhnliche Prachtband aus dem Wiens Verlag Berlin beruht auf 13 Interviews, die Schmit und Lukatsch immer montags im Zeitraum von Juni bis Dezember 2005 geführt haben. Neben dieser nun aufgezeichneten „oral history“, in der es um Kunst, Gott und die Welt geht, ist die Publikation auch eine kunstbiografische Retrospektive des Fluxuspioniers Tomas Schmit.
Der Berliner wird damit nach seinem Tod zum ersten Mal in seiner Heimatstadt für sein Lebenswerk gewürdigt – ein Künstler, an den man sich mit gleichem Recht als Literat, Essayist, Zeichner, Forscher, Lehrer oder Wissenschaftler erinnern kann.
Wie sich eine solche authentisch gelebte Personalunion sinnlich anschaubar machen und semantisch ordnen lässt, beweisen nun 400 (!) Buchseiten in schönster Klarheit und editorischer Noblesse. Schmit selbst nannte sein unermüdliches Forschen zwischen den Bereichen Bild und Sprache schlicht und ergreifend „Scharren am Zaun“. Sei es, dass er sich am aleatorischen Prinzip abarbeitete, am Interdeterminismus oder an der Dialektik zwischen Chaos und Ordnung, es war ihm gleichermaßen Ernst wie Spiel. Das schmunzelnde Schaukeln des menschlichen Bewusstseins zwischen Wollen und Tun hat kaum ein anderer so wortwörtlich be-zeichnet wie er.
Für die Ausstellung zum Buch wurden jetzt Zeichnungen, Objekte, Editionen und ein Video ausgewählt – Belege aus den verschiedenen Schaffensperioden. Doch schon die hoch aufgestapelte Büchersäule am Eingang ist eine Assemblage für sich. Und für ein erstaunlich niedriges Entgelt sogar zum Mitnehmen. Anders als die raren Zeichnungen, jene 24 Blätter der Tomas-Schmit-Serie „Utopie“ von 1975; sie bleiben unverkäuflich. So wie alle Utopien.
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