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Andreas Siekmann
Verhandlungen unter Zeitdruck, aus „Faustpfand, Treuhand und die unsichtbare Hand“,2005-2008
Detailansicht aus dem „Theatrum Mundi“
Courtesy of Galerie Barbara Weiss, Berlin
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Gallery Weekend Berlin 2008

Die Treuhand im Welttheater

Andreas Siekmann in der Galerie Barbara Weiss, Berlin

Anne Schreiber / 2. Mai 2008

Andreas Siekmann in der Galerie Barbara Weiss, Berlin - artnet Magazin Andreas Siekmann – „Verhandlungen unter Zeitdruck“ in der Galerie Barbara Weiss, Berlin. Vom 2. Mai bis 7. Juni 2008

Mit der Ausstellung „Verhandlungen unter Zeitdruck“ von Andreas Siekmann eröffnet Barbara Weiss zeitgleich zum Gallery Weekend ihre neuen, vormals Claes Nordenhake gehörenden Räume im Erdgeschoss in der Zimmerstraße. Die erste Ausstellung am neuen Ort wird zum Exempel der System- und Selbstkritik. Dabei nähert sich Siekmann, der sich als Kritiker zunehmender Privatisierung und Ökonomisierung des öffentlichen Raumes einen Namen gemacht hat und zuletzt auf den documenta-Ausstellungen 11 und 12 sowie den Skulpturprojekten 2007 in Münster auffiel, dem White Cube in gewohnter Didaktik. Der Ausstellungsraum wird als Theaterbühne genutzt, um die Geschichte der Treuhandanstalt zu erzählen, die zwischen 1990 und 1994 mit der Abwicklung von 13.800 ehemals volkseigenen Betrieben der DDR in Kapitalgesellschaften betraut war. Den Privatisierungsprozess, bei dem täglich 15 Firmen aus der öffentlichen in die unsichtbare Hand der Marktmechanismen entlassen wurden, hat Siekmann seit 2005 aufgearbeitet und in Grafiken nachgestellt. Bereits 2006 wurde die Arbeit im Heidelberger Kunstverein gezeigt, auch war sie mit der Schau „Shrinking Cities“ auf Wanderschaft.

In der Galerie Barbara Weiss ist nun ein ausgewählter Teil zu sehen, der zusammen mit  Drucken, Scherenschnitten und Gemälden den Ausstellungsraum in einen Treuhandraum umgestaltet. Artikuliert werden soll nichts Geringeres als eine neue Sprache, die neue Visualität ökonomischer Entwicklungen, die in dieser Form heute global auftreten. Anhand einfacher Word-Piktogramme, die an die antisubjektiven Darstellungsweisen der Kölner Progressiven in den 1920er Jahren erinnern, erzählt Siekmann die wirtschaftlichen Transformationen als maschinell determinierten Prozess. Die handelnden Subjekte erscheinen als austauschbare Puppenspieler. Im Zentrum des Raumes ist ein Theatrum Mundi installiert, ein mechanisiertes Figurentheater aus dem 19. Jahrhundert, das entlang einer Kulisse der Treuhandinstitutionen und -gebäude die „Stationen eines Marktmechanismus“ vorführt. Über einen an der gegenüberliegenden Häuserseite befestigten Spiegel ist die Fassade der ehemaligen Zentrale der Treuhand, das jetzige Finanzministerium in der Wilhelmstraße, in die Räume der Galerie projiziert.

Es ist leicht ersichtlich: Die von Siekmann gezogene Bilanz ist negativ. Darüber würde man sich auch nicht streiten wollen, doch eine neue Sprache ist dies nicht. Die Anknüpfung an die antisubjektiven Formen der 1920er Jahre ist überholt, der Vorwurf der Theatralität an die Politik ist nicht neu. Beeindruckend ist eher die Fülle an Material, die Sorgfalt der Aufbereitung, mit der Siekmann zu Recht an einen tiefgreifenden Transformationsprozess in der jungen Geschichte des wiedervereinigten Deutschlands erinnert, der in Politik und Ökonomie bis heute der öffentlichen Nachbereitung harrt.

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