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Manfred Pernice
„neue Arbeiten“, Galerie Neu, 2008
Ausstellungsansicht
Courtesy of Galerie Neu, Berlin
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Gallery Weekend Berlin 2008

Süße Tücke

Manfred Pernice in der Galerie Neu, Berlin

Gerrit Gohlke / 2. Mai 2008

Manfred Pernice in der Galerie Neu, Berlin - artnet Magazin Manfred Pernice – „neue Arbeiten“ in der Galerie Neu, Berlin. Vom 2. Mai bis zum 28. Mai 2008

Schönheit kann wehtun. Noch schöner ist Kunst, wenn sie ihr Publikum zwingt, das Groteske als wahre Schönheit anzuerkennen. Manfred Pernice bietet in der Galerie Neu ein Lehrstück für Formsinnige und ein Exempel für das absurde Theater Kunst. Die Schönheit der Skulpturen von Manfred Pernice ist von einer Art, die dem Betrachter ein schlechtes Gewissen macht. Die Konstruktionen sind elegant, traumwandlerisch ausgewogen, entzückend proportioniert – doch ihr Material ist eine erschütternde Parodie auf alles, was der Materialästhetik gut und teuer ist. Sie zitieren auf formal sensible Weise die vielfältigsten Details zeitgenössischer Architektur und anderer Formvorräte der Moderne herbei – doch greifen sie dabei so unangenehm ungeschminkt gerade das Hässliche, Billige und Groteske, das tausendmal Gesehene und Missratene auf, dass das Vergnügen an den wohlgeratenen Objekten sich nie vom Missvergnügen an den darin enthaltenen Peinlichkeiten lösen kann.

Wenige zeitgenössische Künstler beherrschen das Formvokabular normierter öffentlicher Bauten und Dekore mit solcher Genauigkeit wie Pernice. Aber das ist gerade die hinterhältige Zumutung an ihnen. Wer sich in Schmerzlust an seinem täuschenden Spiel mit den Erwartungen weidet, kann sich nicht auf Satire, Koketterie oder gar Zynismus berufen. Pernices Gebilde sind schön und stellen ganz offensichtlich ihren innerlich austarierten Formsinn zur Schau. Wer sie loben und preisen will, muss das Hässliche in ihnen als honorige Schönheit ernst nehmen. Selbst noch die bonbonbunten, irgendwie lasurglänzend-kinderzimmerfarbenen Skulpturen seiner Berliner Ausstellung ziehen sich nicht auf die konzeptuellen Dekonstruktionen städtischer Raumteiler, modernistischer Kuben oder werblicher Dekore zurück. Sie wecken den Verdacht, selbst Dekor sein zu wollen. Sie bewerben sich, umgeben von laokoonisch gewundenen Miniaturabsperrungen, um einen Platz im Herzen des Innenausstatters. Diese Kunst misst sich mit Eifer an dem Material, das sie abarbeitet.

Die kritische Funktion dieser Objekte beginnt also nicht bei der Anverwandlung vorhandener Formen. Die Werke hüsteln nicht vergessenen Utopien hinterher und verstehen das Funktionalismus-Alphabet des 20. Jahrhunderts nicht als Jungbrunnen für Orientierung suchende Künstler. Die Kritik Pernice’scher Prägung beginnt bei der Ausstülpung des Materials, seiner Verdauung und Ausscheidung als erneuertes Formangebot. Gerade deshalb ist sie komisch und darum ist ihre Komik ein Erkenntnisgewinn. Erst kürzlich hat ein Kunstkritiker vorgeschlagen, „Slapstick“ in die Liste kunstkritischer Kategorien aufzunehmen. Wie würdevoll, wie heldenhaft kann doch Slapstick sein!

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