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Nobuyoshi Araki
Untitled
Aus der Serie „Kinbaku”
Schwarzweiß-Fotografie
© Nobuyoshi Araki
Courtesy of Jablonka Galerie, Köln/Berlin
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Gallery Weekend Berlin 2008

Entfessle mich!

Nobuyoshi Araki in der Jablonka Galerie, Berlin

Thea Herold / 2. Mai 2008

Nobuyoshi Araki in der Jablonka Galerie, Berlin - artnet Magazin Nobuyoshi Araki – „Kinbaku“ in der Jablonka Galerie, Berlin. Vom 2. Mai bis zum 14. Juni 2008

Uralte Knotentechniken, wie sie Bergsteiger, Rettungsschwimmer oder Hochseesegler bis heute benutzen, wurden einst für Gegenden entwickelt, die besondere Risiken bergen. Dagegen widmet sich die japanische Knotenkunst „Kinbaku“,  von der die Fotoarbeiten des Japaners Nobuyoshi Araki leben, menschlichen Wesen, die besondere Risiken bergen: den Frauen. Er versucht es. Er probiert es immer wieder. Aber auch bei seinem ersten Besuch in Deutschland wird es Meister Araki wahrscheinlich nicht schaffen, seiner Fangemeinde den eminenten Unterschied zwischen Kinbaku, dieser fernöstlich-japanischen Fesselkunst mit Knoten und Schnüren, und dem westlichen Bondage zu vermitteln. „Jaja“, sagen die Frauen. „Hmhm“, murmeln die Männer. Und dann sieht sowieso wieder jeder seins. Die große Einzelausstellung des japanischen Starfotografen zeigt bei Jablonka mit 101 Motiven eine würdigende Auswahl aus dreißig Jahren seiner „Kinbaku“-Werkgruppe. Es ist, das muss dazugesagt werden, nur ein kleiner Teil seines vielfältigen Œuvres – aber der, von dem man halt am meisten spricht. Jeder der noblen Abzüge mit weißem Rand ist auf der Rückseite mit dem gleichen weichen Bleistift signiert. Und jede seiner Fotografien feiert und fokussiert das gleiche Motiv: gefesselte Frauen, gefesselte Emotionen.

Nun macht es schon einen Unterschied, wenn eigentlich in Büchern edierte Fotostrecken, jetzt auf 80 x 100 Zentimetern Bildfläche veredelt, zum Solo-Event werden. Alles, was drinsteckt, wird mehr. Die drastischen Pornovarianten der früheren Jahre genauso wie das erotisch-zart Gebundene in den brandaktuellen Motiven. Kinbaku ist für Araki Liebe, Psychologie, Sex, eine kreative Droge. Aber gelesen wird Bondage: nacktes Fleisch, eingebunden in Taue, Seile, Leinen, Gummischnüre, Ketten oder Schlaufen – in alles, was die Frauen hält. Sie hängen kopfüber oder schaukeln mit den Füßen in der Luft. Sie sind derb an den Gelenken zusammengeschnürt oder werden drastisch von Tauen auseinandergezerrt. Keine gegen ihren Willen. Jede weiß, was sie tut. Liegt deshalb eine dreifach gewickelte Eisenkette mit Schraubkarabinern noch stilvoll am Hals?

Wenn man Araki und den fernöstlichen Künsten glaubt, kommt die metaphysische Wirkung des Kinbaku allein von Augen, Haut und Haltung dieser nur scheinbar aller Freiheit Beraubten. Einfach mal prüfen am zweiten Hochformat von links, auf der Längswand gegenüber des Eingangs: Dieses Mädchen trägt ihre Seile souverän wie teuren Schmuck, hält die straffen Knoten unsichtbar auf dem Rücken. Höchste Spannung trifft auf größte Gelassenheit. Die Knoten halten alle Last aus, aber man kann sie ganz einfach lösen. Diese Auflösung zeigt Araki, der Regisseur aus dem Hintergrund, allerdings nie. Das ist sein eigener Anteil an der Verwandlung der metaphysischen Freiheit in eine ganz marktfähige Physik des Begehrens.

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