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Marjetica Potrč
Study for 'Rural Studio: The Lucy House Tornado Shelter’, 2007
Courtesy of Galerie Nordenhake, Berlin/Stockholm und Marjetica Potrč
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Gallery Weekend Berlin 2007

29 GALERIEN – 29 ERÖFFNUNGEN

Marjetica Potrč bei Galerie Nordenhake


Dominikus Müller
27. April 2007


Gallery Weekend Berlin 2007 - artnet Magazin Marjetica Potrč bei Galerie Nordenhake, Zimmerstraße 88-91, 10117 Berlin. 27. April bis 29. Juni 2007

Die Galerie Nordenhake präsentiert zum Galerienwochenende neue Arbeiten der slowenischen Künstlerin Marjetica Potrč, deren Vergangenheit als Architektin deutlich zu spüren ist. Die gezeigte Arbeit Rural Studio: The Lucy House Tornado Shelter bezieht sich auf ein Projekt, das der 2001 verstorbene Architekt Samuel Mockbee an der Auburn University ins Leben rief und das sich ganz der Frage nach den Wohnbedingungen der verarmten schwarzen Landbevölkerung der amerikanischen Südstaaten widmet, versucht, diese durch innovative und billige Konzepte zu verbessern und so auch den Armen das Grundbedürfnis nach einem Dach über dem Kopf zu ermöglichen.

Potrč baute eines dieser von Mockbee entworfenen und realisierten Häuser nun bei Nordenhake maßstabs- und detailgetreu bis hin zur knallroten Farbe und der Fernsehantenne als „case study“ nach. Die Installation ist dabei so in der Galerie platziert, dass sie wie eine Barriere im Raum wirkt, den Blick versperrt und ganz bewusst wie ein Fremdkörper erscheint. Das erste was auffällt, ist die fast schon kubistisch anmutende Verschachtelung und Verwindung des Hauses, seine Knicke und Falten. Die auf den ersten Blick selbst schon wie zusammengestürzt wirkende Außenhaut des Hauses ist dabei jedoch nach einer komplexen Struktur von Zug und Entlastung, Gewichtung und Gegengewichtung verteilt, die dem gesamten Bauwerk eine außergewöhnliche Stabilität verleiht, so dass es sich selbst trägt, ohne noch von Außen fixiert oder zusätzlich verstärkt werden zu müssen.

So setzt das gezeigte Haus auf einer rein geometrisch-statischen Ebene genau das um, was Mockbee ideologisch beabsichtigt hatte: mit dem Projekt des billigen, oftmals auf Recycling-Materialien und teilweise auch Schrott beruhenden Baukonzepts den Mittel- und Obdachlosen am unteren Rand der Gesellschaft einen Weg der Selbstermächtigung aufzuzeigen, wie sie sich im wahrsten Sinne des Wortes „selbst tragen“ können – ganz wie das Dach des „Lucy House Tornado Shelters“. Zusätzlich zur Installation sind an den Wänden der Galerie vier skizzenhafte Papierarbeiten Potrčs zu sehen, die sich irgendwo zwischen einem assoziativem „mapping“ der zur Diskussion stehenden Fragestellungen und architektonischen Plänen bewegen.

Potrč Installationen sind – so scheint es auch hier – immer als eine Arbeit zweiten, wenn nicht dritten Grades zu lesen. Sie benutzt den White Cube der Galerie, um mit ihren „case studies“ betitelten Nachbauten realer Architektur deren mehr oder weniger implizite Thematisierung sozialer Schichtungen, ökonomischer und biopolitischer Koordinaten auf der einen Seite und die „anthropologischen Grundbedingungen“ des Wohnens, insbesondere des Zusammenlebens im Sinne einer Gemeinschaft auf der anderen Seite kondensiert und verdichtet lesbar zu machen. In die Gegenrichtung öffnet sich durch die Präsenz eines „Hauses im Haus“ der Galerieraum in einer zweifachen Faltung nach außen und wird durchlässig. Potrč gelingt es erstaunlich gut, die Transferleistungen zwischen den verschiedenen Ebenen – gesellschaftliche Organisation, deren Materialisierung in Architektur sowie deren Nachbau in der Galerie – sichtbar zu machen.

Galerie Nordenhake auf artnet


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