Gallery Weekend Berlin 2007
29 GALERIEN – 29 ERÖFFNUNGEN
Jeff Wall bei Johnen Galerie
Eric Aichinger
27. April 2007
Gallery Weekend Berlin 2007 - artnet Magazin
Jeff Wall bei Johnen Galerie, Schillingstraße 31, 10179 Berlin. 27. April bis 26. Mai 2007
Nach umfangreichen Ausstellungen in London und Basel und während am New Yorker MoMA noch seine Retrospektive läuft, gibt Jeff Wall, der Altmeister der inszenierenden Fotografie, ein Gastspiel in Berlin. Die Johnen Galerie zeigt neue Arbeiten des 1946 geborenen, kanadischen Künstlers, die bis auf ein in Rom aufgenommenes Motiv alle in und um seine Heimatstadt Vancouver entstanden sind.
Walls Selbstverständnis orientiert sich an Baudelaires Desiderat vom „Maler des modernen Lebens“. Nach ersten Erfolgen als konzeptueller Fotokünstler und Kunstkritiker bricht er seine künstlerische Arbeit 1971 ab, studiert Kunstgeschichte und beschäftigt sich eingehend mit dem Film und dessen Bezügen zur Psychoanalyse und Ideologiekritik. Insbesondere die Auseinandersetzung mit der kritischen Theorie der Frankfurter Schule nährt seine Zweifel an der politischen Relevanz und dem ästhetischen Potential einer selbstreferentiellen Konzeptkunst. Wall sieht seine Hoffnung darauf, dass die Konzeptkunst der allgemeinen Kommerzialisierung einer zunehmend medial verfassten Gesellschaft auf Dauer eine Autorität entgegensetzen könnte, endgültig enttäuscht. Geblieben ist die Frage, wie Kunst zu machen sei, die ein gehaltvolles und relevantes Bild ihrer Zeit entwirft.
Die von hinten erleuchtete Reklame an einer spanischen Bushaltestelle gibt ihm die Idee, von der aus er seinen künstlerischen Neubeginn wagt. Die Werbetafel war nicht nur ein geläufiger Bestandteil der modernen Welt. Sie hatte Anleihen an die Fotografie, das Kino, die Malerei und die Propaganda. Seit 1978 arbeitet er mit großformatigen Transparenten, die er auf Leuchtkästen anbringt, um die Aufmerksamkeit auf das Licht und die materielle Beschaffenheit des Werks an sich zu ziehen. Dem Betrachter vermittelt sich dadurch zunächst der Eindruck, mit mehr oder minder banalen Momentaufnahmen konfrontiert zu sein. Erst auf den zweiten Blick wird das sorgfältige Arrangement der digital bearbeiteten Inszenierungen von gestörten zwischenmenschlichen Beziehungen, sozialem Niedergang, zersiedelten Landschaften und beklemmend grotesken Szenerien deutlich.
Die in Berlin gezeigten Arbeiten gehören nicht zu Walls Zyklus spektakulär inszenierter Tableaus. Sie sind Teil einer Werkgruppe, in der sich Wall in Ansatz und Stil der „Straight Photography“ annähert. Die menschenlosen Bilder, in denen keine Ereignisse dargestellt werden, sind Stillleben von schlichter Alltäglichkeit – eine Schaufensterauslage, ein blindes Fenster – und Studien zur Erfahrung des Raums – eine Schuttrutsche an einer Hausfassade, ein Haus an einer winterlichen Straßenecke. Gleichwohl kommt auch darin die für Walls Bilder charakteristische, atmosphärische Dichte und latente Spannung zur Geltung, die seinem genauen Gespür für subtile Bildkompositionen und differenzierte Raumtiefen zu verdanken sind. Die getroffene Auswahl der Bilder überzeugt, indem sie auf einen wesentlichen Aspekt von Walls Schaffen konzentriert ist: seine Auseinandersetzung mit klassischen Vorstellungen von Harmonie und Proportion.
Die Werke erscheinen in Editionen von 3 und 8, Preise auf Anfrage.
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