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Thomas Hirschhorn
The map „Wo stehe ich? Was will ich?“, 2007
Ausstellung „stand alone“ bei Arndt & Partner Berlin, 27. April – 7. Juli 2007
Courtesy of Arndt & Partner, Berlin
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Gallery Weekend Berlin 2007

29 GALERIEN – 29 ERÖFFNUNGEN

Thomas Hirschhorn bei Arndt & Partner


Thomas W. Eller
27. April 2007


Gallery Weekend Berlin 2007 - artnet Magazin „Stand-alone“, Thomas Hirschhorn bei Arndt & Partner, Zimmerstraße 90-91, 10117 Berlin. 27. April bis 7. Juli 2007

„MEHR IST MEHR! WENIGER IST WENIGER!“, schreibt Thomas Hirschhorn in seine mentale Selbstverortungslandkarte, deren dreidimensionale Version in der Galerie Arndt & Partner Berlin zu sehen ist. Wenn man die Skizze im DinA3-Format, die anlässlich der Ausstellung verteilt wird, zweimal faltet, stellt man fest, dass im absoluten geografischen Zentrum des Formates die einzige Kreisform der Karte des Künstlers ICH beinhaltet. Direkt darüber „Meine Position“ und wiederum darüber „Meine Arbeit“ in Kästchen präsentiert. Ein dicker roter Pfeil durchstößt das Bildformat von links nach rechts und kulminiert im Begriff „Arbeit“. Und gearbeitet wird viel, unmittelbar vor der Eröffnung in der Galerie.

Thomas Hirschhorn selbst ist mit zehn Mitarbeitern schon fast eine Woche damit  beschäftigt, seine Weltsicht in eine Materialschlacht umzusetzen, die vor Gegenständen des täglichen Gebrauchs und der Alltagskommunikation nur so strotzt. Uhren, Fernseher, Computermonitore und Telefone sind unbenutzbar mit braunem Paketklebeband an der Wand befestigt und so graffitiverkrustet wie die New Yorker U-Bahn in den 1980er Jahren. Die außerdem vorhandenen Dinge und aus billigen Materialien selbstgebauten Objekte scheinen auf Prozesse der Globalisierung zu verweisen. Oft haben sie aber auch einen etwas opaken Charakter, der nur dem Künstler selber einsichtig sein dürfte – dazwischen dann brutalste Bilder von Opfern des Irakkrieges. Verbrannte Leichen und abgezogene Gesichtshäute. Diese Bilder, die Hirschhorn von der Webseite eines amerikanischen Pornobetreibers „entliehen“ hat, dienen der Zuspitzung seiner Kunst: „Kunst als ein Werkzeug benutzen […], um die Welt kennen zu lernen.“

Warum? Der Künstler befindet sich offensichtlich in Konkurrenz mit der ganzen Welt. In all seiner Komplexität will er dem Prozess der Welt nacheifern und seine überbordenden, ausufernden Installationen sind Dokumente dieses Ehrgeizes, an dem er letztendlich scheitern muss. So viel Material er auch aufwenden mag, es wird ihm nicht gelingen, den Wettlauf zu gewinnen. Sein in der Ausstellung unmittelbar erfahrbares Motto „MEHR IST MEHR!“ kennzeichnet den Künstler als Materialisten. Dazu passt auch sein Bekenntnis zur Arbeit als dem einzigen Ziel seiner Welt. Anders als ein deutscher Künstler, der vor dreißig Jahren als Materialist über Transformationsprozesse des Kapitals nachgedacht und das in große Installationen umgesetzt hat, zielt bei Thomas Hirschhorn die Arbeit nicht auf das Soziale. Mehr ist Mehr – das ist ein kapitalistischer Diskurs. Weniger ist mehr – das ist ein ästhetischer.

Damit ist das zentrale künstlerische Problem der Arbeit Hirschhorns angesprochen: Das Verhältnis von Material und Form. Alle seine Ausstellungen vertrauen zuallererst dem Material, und zwar möglichst vielem davon. Als Zweites baut er auf Zitate in Form von Bild oder Text, die inhaltliche Versatzstücke versammeln und sich dem Ordnungswillen des Betrachters nur als gezielte Überforderung präsentieren und dadurch gelegentlich in Langeweile umkippen. Es gibt kaum konkrete Vorschläge des Künstlers, wie man den Dingen der Welt gegenübertreten könnte. Dadurch wird auch die Formfrage, die dieses „wie“ bedingt, selten berührt. Die Frage, die er sich selber stellt: „Wo stehe ich?“, bleibt deswegen letztendlich unbeantwortet. „Ich will kopflos handeln und absolut zur Form halten“ ist dagegen seine Durchhalteparole, die den Rezensenten schaurig berührt, beschreibt sie doch im besten Fall den Arbeitsethos eines preußischen Beamten im 19. Jahrhundert (den schlimmsten Fall mag man sich gar nicht ausmalen – absolut zur Form zu halten… ). Dabei meint es der Künstler Hirschhorn sicherlich gut mit der Welt, wenn auch in etwas bescheidenerem Rahmen. War das Ziel von Joseph Beuys noch die Transformation von Gesellschaft, ruft Thomas Hirschhorn: Ich will!

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