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4. berlin biennale

Private Wohnung, Auguststraße 23, Vorderhaus, EG

Belinda Grace Gardner

23. März 2006 

Die Station in der Privatwohnung in der Auguststraße 23 ist in mehrfacher Hinsicht einen Besuch wert. Denn ihr abwesender Bewohner hat nicht nur eine eigene kleine Kunstsammlung an den Wänden installiert, sondern besitzt auch hochinteressante alte Holztruhen, eine überdimensionale hölzerne Spielzeugeisenbahn und eine reich verzierte Anrichte, die Einblick in einen Vorrat von Kerzen, Gefäßen und anderem mehr gibt. In der Küche erkennt man sein Faible für Gurken unterschiedlichster Art. Ein meterlanger Tisch im Hauptraum der Wohnung bietet Platz für viele Gäste.

Momentan liegt dort jedoch lediglich ein Fotoalbum der Warschauer Künstlerin Aneta Grzeszykowska in fast sakral anmutender Einsamkeit zur Einsicht bereit. Doch Vorsicht: Bevor man sich in die Arbeit Album von 2005 vertieft ist man schon von selbsttätig in Aktion tretenden Möbelstücken erschreckt worden, die der aus Mexiko City stammende Künstler Damián Ortega 2006 schuf. Sie tragen den Sammeltitel Reticencia al trabajo. Ein Tisch, auf dem eine angebrochene Rotweinflasche und ein leeres Glas stehen sowie ein kleiner Stuhl, beben schon beängstigend vor sich hin, wenn nur man an ihnen vorbeigeht. Ein Bett mit lochiger Decke beginnt bei Annäherung ebenfalls wie wild zu vibrieren.

Die Tücke des Objekts wird dem Besucher hier in absurd-surrealer, buchstäblich aufrüttelnder Manier vor Augen geführt. Das Alltägliche erhält die Dimension des Unheimlichen, im Sinne von Freuds berühmtem Aufsatz, bei der die Gewissheiten schwinden. Das verbindet Ortegas Ensemble mit dem Fotoalbum Aneta Grzeszykowskas.

In diesem Fall präsentiert die Künstlerin, die im Medium Fotografie die Tücken wiederum der Realitätsrepräsentation und die Konstruktion von Wirklichkeit über fotografische Bilder untersucht, ihr – so scheint es zumindest – Privatalbum mit Aufnahmen aus ihrer Kindheit und Jugend. Allerdings heißt es, sie habe die eigene Person aus allen Fotos herausgenommen. So dokumentieren die Bilder stets auch eine Abwesenheit, die sich in einer eigenartigen Asymmetrie offenbart oder in Leerstellen, die sich unerwartet auftun. Das lächelnde Paar im schrägen 70er-Jahre-Look, das zugleich Hauptmotiv der Plakate zur Biennale bildet, findet sich ebenfalls in diesem Album. Allerdings ist man nie ganz sicher, ob die vermeintlich authentischen Schnappschüsse und anderen Aufnahmen aus dem Privatarchiv nicht vielleicht doch Ergebnis sorgfältiger Inszenierungen sind.

So bleibt alles im Ungefähren. Das Album jedenfalls endet mit Bildern eines Regenbogens, den Turbulenzen eines Gewässers und einer diffusen weißen Ansicht. Von Grautönen durchbrochen entsteht daraus eine Art visuelles weißes Rauschen. Das Nichts gewinnt momenthaft Gestalt. Genaues Hinschauen lohnt sich.



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